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Margit Baumgarten, Vorsitzende des Konventes Evangelischer Theologinnen in der Bundesrepublik Deutschland über Entwicklung und Einschätzung der verfassungsmäßigen Abschaffung der Frauenordination in der lettischen Kirche in der Synode am 3/4.6.2016

Konvent

Natürlich reagierten alle Theologinnen entsetzt auf diese Entscheidung und ein Proteststurm ging durch die Lande. Zahlreiche Briefe wurden geschrieben und nach Lettland geschickt, viele Pressemeldungen und Nachrichten verfasst. Ein Teil davon findet sich bei theologinnenkonvent.de. Wichtig ist mir, die Einschätzung und den Bericht von Menschen einzubringen, die in Lettland leben, von der Synodenentscheidung unmittelbarer betroffen sind, als wir in Deutschland. Deshalb Zitate von Dace Balode, lettische Theologieprofessorin und Markus Schoch, Pfarrer der Deutschen Gemeinde und Gast der Synode.

Schon im Vorfeld der Synode der Evangelisch Lutherischen Kirche in Lettland waren starke Kräfte am Werk, die 1975 eingeführte Frauenordination nicht nur auszusetzen, wie Bischof Vanags das seit Antritt seines Amtes 1993 praktiziert hatte, sondern aus der Verfassung zu entfernen. Dazu gab es im Pastorenkon­vent Diskussionen, zu denen aber keine Theologinnnen eingeladen wurden, die Befürwortung der Frauenordination zu vertreten. Es gab keine Streitgespräche. Eine öffentliche Auseinandersetzung in der Kirchengemeinde Liepaja, die Pfarrer Martin Urdze initiierte, wurde zu verhindern versucht.

Dace Balode, Dekanin der theologischen Fakultät Riga führt das in einem Interview von Christ und Welt auf die historische Entwicklung während der sowjetischen Besatzung und dem neuen Finden nationaler Identität nach der Wende 1989 zurück. „Die Ordination wurde in Lettland 1975 eingeführt, zur Sowjetzeit, per Beschluss des Erzbischofs. Es gab keine Möglichkeit zur Diskussion und sowieso kaum theologische Auseinandersetzungen. Es ging für die Kirche ja ums Überleben. Eine Synode zu versammeln wäre nur mit Zustimmung aus Moskau gegangen. Das war sehr kompliziert. Das Versäumnis rächt sich jetzt… Bis zur politischen Wende orientierte sich die lettische Kirche nach Westen. Sie griff nach der freien Welt. Als dann 1974 die Lutherische Kirche Lettlands im Ausland, sozusagen unsere Exilskirche während der Sowjetzeit, die Frauenordination eingeführt hat, zog der damalige Erzbischof in Lettland nach. Mit der Wende wurden die Meinungspluralität und die vielen verschiedenen Lebensstile sichtbar. Es begann eine Identitätskrise und ein Kampf um das, was als wirklich lettisch gelten sollte. Die Leute fingen wieder an zu mauern. In der letzten Zeit wurden Teile der Gesellschaft und auch der Kirche konservativer. Und jetzt, wo die Neokonservativen in ganz Europa erstarken, werden sie auch hier immer selbstbewusster. Die Bibel spielt zumindest eine sekundäre Rolle. Die biblischen Zitate werden herbeigerufen, um die eigene Meinung zu bestätigen.“

Anfang Juni hatte ich in Riga am Rand der Synode Gelegenheit, mit einigen Mitgliedern und Gästen der Synode zu sprechen. Selbst bei sogenannten liberal eingestellten Männern lag deutlich eine konservative Weltsicht zu Grunde, die von dem Primat des Mannes über die Frau ausgeht und das auch biblizistisch begründet. Die lettische Kirche weiß sich da in geborgener Gemeinschaft mit den Missouri Lutheranern und der SELK (der Selbständig Evangelisch Lutherischen Kirche Deutschland), bei der in einem Papier Argumente gegen die Ordination von Frauen nachzulesen sind, die dort ja auch nach wie vor nicht zur Debatte steht.

Dass die biblische Untermauerung nur der Stärkung der je eigenen konservativen Weltsicht dient, möge ein kolportierter Vergleich von der lettischen Synode verdeutlichen. Es wurde erzählt, dass ein Pfarrer, der sich gegen die Frauenordination ausgesprochen hat, dies damit begründete, dass die Bürde des Amtes so schwer sei und man schließlich Frauen auch nicht zumute, 25 kg Kartoffelsäcke zu tragen. Außerdem wurde deutlich die Angst geäußert, dass die Frage der Frauenordination nur der Anfang sei und es dann mit der Segnung von Homosexuellen weiterginge. Irrationale Ängste haben die Entscheidung mitbestimmt.

Dace Balode spricht den Synodalen die Bibeltreue ab: „Sie haben vielleicht den Wunsch, der biblischen Wahrheit besonders nahe zu sein. Aber sie müssten sich eingestehen, dass niemand die Wahrheit in Reinform hat, und erkennen, dass es eine Pluralität biblischer Textinterpretationen gibt. Sie behaupten, jedes Wort wörtlich zu nehmen und alle Bibelstellen gleichermaßen wahrzunehmen. Doch das tun sie nicht. Das tut niemand. Wir alle werten und betonen bestimmte Stellen mehr und andere weniger – zumindest unterbewusst. Exegese heißt, sich dessen bewusst zu werden und dann offen mit Argumenten und Prinzipien um die richtige Auslegung zu streiten. Gerade, wenn es um das geistliche Amt geht!“

“Ich habe versucht, mit Argumenten für die Frauenordination zu werben”, sagt Elmars Rozitis, ehemaliger Erzbischof der Lettischen Auslandskirche. “Doch das ist, als wenn sie mit Zeugen Jehovas reden. Die von Menschen geschriebenen und übersetzten biblischen Belegstellen, die die Gegner der Frauenordination heranziehen, seien für sie nichts als Gottes Wort. Diese eigene Auslegung gelte.“

Markus Schoch, Pastor der Deutschen Lutherischen Gemeinde in Riga, war als Gast bei der Synode Anfang Juni dabei. Er berichtet: „Die Synode fand in einer besonderen, bekenntnishaften Atmosphäre statt. Die umstrittenen Fragen wurden so diskutiert, dass es hier um das feste Bekenntnis zu den biblischen Grundlagen gehe. Dies zog sich wie ein roter Faden durch die ganze Synode, die Reden, den Andachten.

Anfragen, Besorgnisse, auch von anderen Partnerkirchen, wurden als Druck empfunden, dem man sich ausgesetzt sah, und dem es fest zu widerstehen galt. “Auch wenn eine große Mehrheit der Kirchen hier anderes denken und handeln: wir stehen fest zu dem, was Gottes Wort uns lehrt.” Das war die Haltung der meisten, die sich in der Synode zu Wort   gemeldet   haben. Daher auch die Ablehnung einer geheimen Abstimmung. Auch hier gehe es um ein öffentliches Bekenntnis. Und Christus habe ja gesagt, wer sich öffentlich zu ihm bekenne, zu dem würde sich auch Christus am Jüngsten Tag bekennen.

Diese Stimmung trat dann auch auf, wenn die jeweiligen Abstimmungsergeb­nisse bekannt gegeben wurden: lauter Jubel, Bravo- und Halleluja-Rufe. Wenn ich eine Überschrift über die Synode finden müsste, wäre das für mich: “Mit Freuden um der Wahrheit willen in die Isolation.” So habe ich die Stimmung auf der Synode empfunden. Ein lettischer Intellektueller sagte mir gestern dazu: “Die Kirche schießt sich in ein Paralleluniversum.”

Das war die öffentlich wahrnehmbare Stimmung, das waren die große Mehrheit der gehaltenen Reden und das gibt sicher die Stimmung einer großen   Zahl   der   Menschen auf der Synode wieder. Wie groß die Zahl derer ist, die (schweigend) eine andere Meinung und Haltung haben, lässt sich nur sehr schwer sagen. Immerhin haben bei der offenen(!) Abstimmung über die Frage der Frauenordination deutlich mehr als 20 Prozent gegen die Verfassungsänderung mit “Nein” gestimmt.

Wenn man die Gesamtzahl der Synodalen zugrunde legt, dann gab es sogar “nur” eine Zustimmung von 65%, die anderen haben entweder mit Nein gestimmt, haben sich enthalten, oder haben gar keine Stimme abgegeben. Auch diese Zahl bedeutet etwas.

Klar ist auch, dass es eine Gruppe innerhalb der LELB gibt, die die weitere Entwicklung ihrer Kirche mit großer Sorge sehen. Ein Synodaler sagte mir: Die Synode war nur der Auftakt, wir werden noch weiter in die konservative Richtung gehen. Er meinte sogar, dass mittelfristig die Mitgliedschaft im Lutherischen Weltbund (LWB) für die lettische Kirche zur Debatte stehen könnte. Wie die Entwicklung tatsächlich weiter geht, bleibt abzuwarten.“

Die Verfassung sieht keine außerkirchliche juristische Möglichkeit vor, anzufechten, dass die Stimmenthaltungen bei der Stimmenanzahl nicht mitgezählt worden sind.

Über ein Interview der lettischen Nachrichtenagentur LETA mit Erzbischof Vanags nach der Synode wird berichtet: “Wegen der Frage der Frauenordina­tion waren die Beziehungen mit einigen Partnerkirchen angespannt, gibt der Erzbischof zu. Man kann jedoch nicht sagen, dass es jetzt zu einer großen Wende gekommen wäre.”

Dagegen steht die Rede nach der Abstimmung von OKR Vogelmann von der Evang.-Luth. Kirche in Norddeutschland, der an der Synode teilgenommen hat, aber vor der Abstimmung nicht zu den Synodalen sprechen durfte:

“Nach den Diskussionen und Abstimmungen will ich Ihnen im Namen meiner Kirche sagen, dass wir ihre Entscheidung respektieren. Allerdings verlangt die Länge und Intensität der bisherigen Partnerschaft nach Klarheit. Daher will ich Ihnen von Angesicht zu Angesicht und Person zu Person sagen, dass auch meine Kirche ihren Weg aus christlichem Gehorsam fortsetzen wird. Wir bitten Gott um Beistand für unsere Kirchen, die nun in einigen Fragen getrennte Wege gehen werden. Unser Grußwort, das wir inzwischen ins lettische übersetzt haben und ausliegt, gibt Ihnen über unsere Haltung dazu Auskunft. Wie genau die weiteren Schritte aussehen, werden sie zu gegebener Zeit erfahren.“

Aus der Nordkirche sind Überlegungen zu hören, die bisherige Unterstützung nicht mehr über das Konsistorium der lettischen Kirche sondern zielgerichtet für diakonische Projekte, den Theologinnenkonvent und die Fakultät einzusetzen.

Die lettischen Theologinnen haben diese Entscheidung erwartet, es war vorhersehbar, dass die Abstimmung so ausgehen würde. Dennoch hat die deutliche und zum ersten Mal öffentliche Fürsprache von 20% der Synodalen ihnen Mut gemacht. Sie halten verstärkte Bildung innerhalb der Kirche und Gesellschaft für die einzige Chance, nachhaltig die Einstellung zu verändern und sehen sich auf diesem langen Weg.

Interessant ist, dass die Kreuzgemeinde in Liepaja, die mit ihrem Pastor Martin Urdze als Konsequenz dieses Beschlusses aus der lettischen Kirche ausgetreten und der lettischen Auslandskirche beigetreten ist, daraufhin der Räumlichkeiten, die von der Gemeinde genutzt der lettischen Kirche gehören, verwiesen wurde. Es wird weiterhin versucht, auch die Räume, in denen breite diakonische Arbeit geleistet wird und die mit Spendengeldern finanziert wurden, zu enteignen. Pastoren, die bei der Synode für die Frauenordination gestimmt haben, erleben Repressalien aus den Gemeinden und von der Kirche.

Für die lettische Kirche war diese Entscheidung gegen die Frauenordination ein status confessionis. Dazu passen auch die Gespräche des Erzbischofs mit der katholischen Kirche, eine gemeinsame neue theologische Fakultät zu gründen, was für die bisherige, liberale, das Aus bedeutete. Schlimme Zeiten in Lettland!

 

Weitere Informationen zur Situation der Frauenordination in Lettland sowie die Protestbriefe zum Thema sind hier abrufbar.


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