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Rede, gehalten anlässlich einer AntiKargida Demonstration, die von der Christlich Islamischen Gesellschaft organisiert und getragen wurde.

Von Isa Breitmaier

In Karlsruhe gibt es eine Erstaufnahmestelle für Flüchtlinge. Sie wurde im Herbst 2015 erweitert als viele Flüchtlinge ins Land kamen. Seit Frühjahr 2015 haben wir wöchentlich Kundgebungen der Kargidabewegung in der Stadt (Karlsruhe gegen die Islamisierung Deutschlands), ein Ableger von Pegida aus Dresden. Ebenfalls im Frühjahr entstand das „Netzwerk gegen Rechts“ (ka-gegen-rechts.de), in dem verschiedene politische Gruppen und Kirchen vertreten sind, außerdem auch die christlich- muslimische Gesellschaft. Die folgende Rede wurde auf Einladung dieser Gesellschaft im April 2016 gehalten.

Liebe Mitstreitende für den gesellschaftlichen Frieden!

Ich danke herzlich für die Einladung heute hier im Rahmen der Kundgebung sprechen zu dürfen, zu der die christlich-islamische Gesellschaft eingeladen hat. Die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Karlsruhe, in deren Namen ich hier spreche, ist eine Gemeinschaft unterschiedlicher christlicher Konfessionen. Als Basis unserer Gemeinschaft dient, was wir alle gemeinsam vertreten, nämlich dass wir Jesus Christus gemäß der Heiligen Schrift als Herrn und Heiland anerkennen zu Ehren des trinitarischen Gottes. Der Blick auf diese gemeinsame Basis macht uns handlungsfähig trotz der vielen und zum Teil auch spaltenden Unterschiede zwischen den Konfessionen. Eine solche gemeinsame Basis haben auch die christlichen Kirchen mit dem Islam.

Seit Februar 2015 versammelt sich nun Kargida in Karlsruhe. Sie nennen sich die „Karlsruhe gegen die Islamisierung des Abendlandes“. Sie behaupten, Karlsruhe, Deutschland, aber auch Europa müsse vor fremden Einflüssen, z. B. den Musliminnen und Muslimen geschützt werden. Sie beklagen die Willkommenskultur gegenüber Flüchtlingen. Sie befürchten, wie Sarrazin es seit 2010 sagt, dass Deutschland sich abschafft, dass es sich überfordere. Sie sagen, dass Deutschland keinen Heimatstolz mehr hat, dass das Abendland christlich bleiben müsse. Sie sagen, dass es einen „gesunden Rassismus“ gebe, den man braucht, um Europa zu schützen. Und sie sprechen von der „Hausschweinisierung“, als würden wir Bürger alles mit uns machen lassen, wären domestiziert und durch den Konsum eingelullt.

Zu all dem sagen wir: Nein.

Denn: Zunächst sind Menschen muslimischen Glaubens gar keine Fremden in unserem Land. Sie leben unter uns seit dem 17. Jahrhundert. Zuerst waren es Kriegsgefangene, die hier ansässig wurden, später rekrutierte der Preußenkönig Friedrich Wilhelm I. türkische Soldaten und baute ihnen in Potsdam einen Gebetssaal. 1762 entstand ein Bosniakorps mit 1000 Mann und die älteste Begräbnisstätte für Muslime wurde 1863 in Berlin als Türkischer Friedhof angelegt. Seit den 50er Jahren des 20. Jhds. helfen Menschen muslimischen Glaubens unser Land mit aufzubauen und prägen unsere deutsche Kultur mit. Sie bereichern die Gastronomie (was wären wir ohne Döner!), sie sind Ärzte, Lehrerinnen, Fabrikarbeiter, Handwerker, Angestellte, Politiker, Therapeutinnen aller Art, Polizisten und zahlen Steuern. Sie bereichern unser Volk und unsere Kultur also auf unterschiedlichste Weise. Machen wir uns nichts vor: Wenn es eine deutsche Leitkultur geben sollte, dann gehören Menschen muslimischen Glaubens und auch anderer Glaubensrichtungen unbedingt dazu!

Müssen sich denn verschiedene Religionszugehörigkeiten gegenseitig abstoßen? Können denn Menschen verschiedener Religionen nicht miteinander wohnen und arbeiten? Natürlich können sie das! Aus theologischer Sicht sind alle Menschen Geschöpfe Gottes, ob Christ, Muslim oder Andersgläubige und das sieht auch der Koran so. Das heißt, jedem einzelnen Menschen kommt von der Schöpfung her eine Würde zu. Der Glaube, dass wir geschaffen sind, bringt uns als Geschöpfe in eine unauslöschliche Beziehung zu Gott und verlangt Respekt gegenüber der übrigen Schöpfung, gerade gegenüber den Mitmenschen. Auf dieser gemeinsamen Basis können wir zusammenleben und wir erleben es ja täglich bei der Arbeit, beim Einkaufen, in unserer Wohnumgebung…

Dieser Respekt bedeutet nicht, dass Unterschiede im Glauben unter den Teppich gekehrt werden müssen. Es kann auch nützlich sein, sich mit einer anderen Religion zu befassen und das Eigene durch das andere prägnanter zu verstehen. Gerade in der ACK ist uns das sehr deutlich. Wenn wir das Gemeinsame gegenüber den Unterschieden in den Vordergrund stellen, ist uns klar, dass jede Religionsausübung menschlichen Charakter hat und wir als Menschen das Absolute nicht erlangen können, ohne uns gottgleich zu wähnen. Wir alle sind in unseren Religionsvorstellungen letztlich Suchende, die in aller Treue, aber auch in Demut unseren Glauben leben und andere ihren Glauben leben lassen.

Christentum und Islam haben, wie wir alle wissen, viel Gemeinsames. Wir haben ein recht breites Fundament für das Gespräch. So ist neben dem Schöpfungsglauben zum Beispiel der Gedanke der Toleranz ein antikes Erbe aus dem Römischen Reich, das sowohl der Islam im Kuran und in vielen Erzählungen seiner Literatur als auch das Christentum auf seine Weise ausgestaltet haben. Eine weitere Gemeinsamkeit wäre die Nächstenliebe, die in beiden Religionen zu den tragenden Säulen gehört. Wenn in der Türkei, im Irak, in Jordanien, im Libanon und Ägypten etwa 90% der syrischen Flüchtlinge bisher Unterkunft gefunden haben, dann ist das ein großes Zeichen für die Nächstenliebe im Zeichen des Islam.

Aber es gibt natürlich auch deutliche Unterschiede. Und aus meiner Erfahrung als Religionspädagogin kann ich sagen, dass muslimische Glaubensüberzeugungen uns Christen anspornen, über unser Eigenes nachzudenken und uns auf unseren Kern zu besinnen, als eine Art Weckruf, als Ansporn, den Kern des Christentums wieder zu entdecken, selbst vertreten zu können und ihn auch im Alltag zu leben. Dann, wenn wir in unserem Eigenen überzeugen, Frieden, Gastfreundschaft und Nächstenliebe auch leben, bringen wir unsere Glaubensüberzeugung zu leuchten! Jesus selbst pflegte einen achtsamen Umgang mit Menschen anderer Religionszugehörigkeit. Hat Augen öffnende Lehrgespräche mit dem römischen Hauptmann und einer Syrophönizierin mit Respekt und auf Augenhöhe geführt. Daher gilt: Nicht die Abwehr der Muslime sollte also Menschen leiten, die ihre Religion und das sogenannte „christliche Abendland“ bewahren wollen, sondern das Interesse an der eigenen Religion, am eigenen Glauben. Und daraus kann eine sehr gewinnbringende Form des Dialogs zwischen Muslimen und Christen entstehen, die nicht versucht zu missionieren, sondern dazu verhilft, im respektvollen Gespräch mit der anderen Religion das Eigene wieder genauer kennenzulernen und auf eine achtsame Weise zu vertreten. In solch einem Dialog können wir uns in unserer Kenntnis des Eigenen und unserer Spiritualität voranbringen.

Wir haben eine weitere Gemeinsamkeit mit dem Islam und übrigens mit auch mit allen Religionen. Es ist eine schwierige Gemeinsamkeit: In allen Religionen gibt es Gläubige, die fanatisch ihre Überzeugung vertreten. Dazu möchte ich sagen: Wer aus dem Glauben heraus andere ausgrenzt, oder gar Gewalt gegen Andersdenkenden übt, macht sich selbst zum Gott. Das ist in jeder Religion eine Grundverfehlung, der Sündenfall an sich. Und wer Gläubige unter dem Vorwand der Religion zur Gewalt verführt, missbraucht den Glauben. Da werden fromme Menschen auf schreckliche Irrwege geführt, um menschlicher Macht zu dienen. Das haben wir im Christentum auf ungute Weise kennengelernt in den Kreuzzügen oder bei den so genannten Hexen- und Ketzerverbrennungen oder im 17. Jahrhundert, dem Jahrhundert der Glaubenskriege in Europa oder auch in der Hitlertreue und Gewaltbereitschaft der Deutschen Christen im 20. Jhd. Was die Kämpfer des Islamischen Staates, des IS tun, ist nur ein weiterer Beweis für diese dunkle Gemeinsamkeit von Religion und Glauben. Eine Gefahr von Religion, die im Westen noch nicht einmal durch die Aufklärung überwunden werden konnte. Eine dunkle Seite von Religion, die aber gerade durch Aufklären und Bildung sehr wohl überwunden werden kann.

Die allermeisten Opfer der IS Kämpfer sind übrigens andersdenkende Muslime. Wieso also sollte IS ein Argument dafür sein, den Islam mit Gewalt gleichzusetzen?

Noch auf ein letztes Stichwort der Pegida und Kargida-Bewegung möchte ich eingehen: Sie lehnt die Willkommenskultur ab. Ihrer Meinung nach werden unterschiedslos auch Verbrecher willkommen geheißen. Die Übergriffe in der Sylvesternacht in Köln und die Anschläge in Paris und Brüssel schüren diese Vorstellung. Und in der Tat: Sich hier die Gewalttäter der Welt ins Land zu holen, wäre absurd! Aber die Bundeskanzlerin Merkel und wir angeblich „hausschweinisierten“ Bürger unseres Landes wissen: Flüchtlinge sind nicht per se Verbrecher! Auch nicht alleinstehende Männer, auch nicht Muslime! Wer zu Hause bedroht wird, alles stehen und liegen lässt und eine Flucht mit ungewissem Ende auf sich nimmt, wer monatelang auf gefährlichen Wegen durch Afrika, den Nahen Osten und den Mittelmeerraum reist, der tut das nicht, um Verbrechen zu üben. Das heißt, die allermeisten Menschen, die hier ankommen, sind Menschen wie Sie und ich, egal welcher Religion sie angehören. Sie wollen ein sicheres, unbeschadetes Leben in Freiheit führen. Sie wollen ihre Chancen wahrnehmen können, einen Beruf zu erlernen, Geld zu verdienen und in Ruhe alt zu werden. Verbrechen kann vorgebeugt werden, indem unsere Kultur erklärt wird, was ja in der Fastnachtszeit auch getan wurde.

Wer allerdings Verbrechen begeht, muss dafür vor Gericht gestellt werden und seine verdiente Strafe bekommen. Wir dulden keine kriminellen Netzwerke und keine Übergriffe an Frauen, genauso wenig wie Übergriffe auf Asylbewerberunterkünfte oder Menschen mit anderer Hautfarbe. Aber bisher hat unser Sicherheitssystem da ganz gute Arbeit geleistet. Die Täter der Kölner Sylvesternacht stehen mittlerweile vor Gericht. Und hoffentlich kommen auch die vor Gericht, die Asylbewerberheime attackieren.

Aber das ist kein Grund, Moslems abzulehnen, die Menschen sind wie Sie und ich.

Ich komme zum Schluss: Religiös sein bedeutet, muslimisch wie christlich, in einer guten Beziehung zu Gott, den Mitmenschen und zur Natur zu leben. Und wer fest in seiner Religion verankert ist, bietet gerne und ohne Angst Gastfreundschaft und Dialog an. Wir alle sind nur Pilger auf dieser Erde, auf dem Weg zu Gottes Reich, das bereits hier auf Erden beginnt. In diesem Sinne lasst uns Menschen willkommen heißen, die in Not sind, ihnen Mitgefühl zeigen, ihnen Zeit schenken und vielleicht etwas zusammenrücken und dadurch zum Frieden und zur Einheit in Vielfalt beitragen.


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