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– Über die öffentliche Selbstentwertung der Kirche

Von Pfarrerin Dr. Regina Sommer

Leserinnenbrief zum Artikel „Streifzüge / Berlin / Keiner zum Kuscheln“ von Heike Schmoll, erschienen in der FAZ-Ausgabe vom 18.11.2010, Seite 2

Es ist unbestreitbar: Die evangelischen Kirchen haben ein Nachwuchsproblem. Trotz Stellenabbaus werden in naher Zukunft viele Pfarrerinnen und Pfarrer gebraucht. Es ist somit hoch erfreulich, wenn sich junge Menschen für ein Theologiestudium entscheiden. Jedoch sollten es nach Ansicht mancher Theologen nicht zu viele Frauen sein. Der wachsende Frauenanteil im Theologiestudium und Pfarrberuf wird nicht etwa begrüßt, sondern als zunehmende Bedrohung gesehen. Friedrich Wilhelm Grafs jüngste Äußerungen in Berlin sind dabei keineswegs neu. Vor einer drohenden „Feminisierung“ der Kirche und Pfarrberufs wird mittlerweile vielerorts gewarnt – meist hinter vorgehaltener Hand. Graf hat dies nun öffentlich getan. Wie andere auch, bemühte er subjektive Anmutungen, um seine Thesen von der Entwertung der Theologie und des Pfarrberufs durch den wachsenden Frauenanteil zu untermauern. Das ist das Problem der Rede von der Feminisierung, dass diejenigen, die sie betreiben, sich jeglicher Objektivität enthalten. Die „Fakten“, die Graf – und in unkritischer Aufnahme auch Heike Schmoll – präsentieren, sprechen ihre eigene Sprache. Es handelt sich um nicht belegte Annahmen, die in keiner Weise der Realität entsprechen. Die Tendenz sinkender Abiturnoten bei Theologiestudierenden lässt sich EKD weit nicht belegen. Ebenso wenig empirisch gestützt ist die Behauptung, gerade weibliche Studierende stammten überwiegend aus bildungsfernen Schichten. Es ist auch keineswegs so, dass promovierte Frauen der Kirche reihenweise den Rücken kehren. Der Frauenanteil unter den Habilitierten steigt kontinuierlich, ebenso die Anzahl der Theologieprofessorinnen. Diese Entwicklungen werden von Graf offenbar nicht als Gewinn, sondern als Bedrohung gesehen, die ausgeblendet bzw. umgemünzt werden muss. Angst ist der Motor solch unreflektierten Redens. Befürchtet wird ein Bedeutungsverlust der Theologie und des Pfarrberufs, der einseitig den Frauen angelastet wird. Frauen werden einmal mehr zu Sündenböcken erklärt: ein kulturgeschichtlich wiederkehrendes Muster. Dabei müsste man doch fragen, was junge Männer eigentlich davon abhält, Theologie zu studieren. Und: Was sind die wirklichen Gründe für den befürchteten Imageverlust der Kirche? Eins ist klar: Wer hier plakativ von Feminisierung redet, verschleiert das Problem, mehr noch: er betreibt die öffentliche Selbstentwertung der Kirche in einer Weise, die ihres gleichen sucht.


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