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Selbst Denken

Von Isa Breitmaier

Zur Erinnerung: Mitte Dezember 2012 wendete sich die Notärztin, bei der eine offenbar nach K.O. Tropfen vergewaltigte Frau Rat gesucht hatte, an ein katholisches Kölner Krankenhaus zur Spurensicherung. Die Behandlung wurde von der diensthabenden Ärztin abgelehnt, die angab, dass sie auf keinen Fall die „Pille danach“ verschreiben dürfe. Die Kollegin in einem weiteren katholischen Krankenhaus reagierte ebenso. Die diensthabenden Ärztinnen beriefen sich auf die „Ethische Stellungnahme zur Notfallkontrazeption bei Patientinnen, die vermutlich Opfer eines Sexualdelikts geworden sind“, die die zuständige Ethikkommission der Krankenhäuser einige Wochen vorher veröffentlicht hatte. Sie befürchteten eine fristlose Kündigung für den Fall, dass sie über die „Pille danach“ aufklären müssten bzw. sie verschreiben würden. Offensichtlich hatten sich die Ärztinnen im Zusammenhang der Aufklärung über die ethische Stellungnahme im Rahmen ihrer Dienstverhältnisse unter Druck gesetzt gefühlt. Gleichwohl steht natürlich die ärztliche Pflicht, Hilfesuchenden beizustehen, über einer solchen Stellungnahme.

Selbst denken?
Ist selbst denken heutzutage eigentlich noch gewollt? Wie steht es damit in unserer Zeit, in der die betriebswirtschaftliche Qualitätskontrolle in allen öffentlichen und sozialen Einrichtungen Einzug gehalten hat? Wenn „Qualitätssicherung“ und Leitlinien dahingehend missverstanden werden können, dass sie persönliche Verantwortung substituieren, tritt es in den Hintergrund. In einer Zeit, in der Handlungsabläufe möglichst standardisiert und damit automatisiert werden, was sogar mit dem Label „Ethik“ versehen werden kann, dann wird es störend, an diesen Stellen selbst zu denken. Angeblich haben wir mehr Zeit, uns um „das Eigentliche“ zu kümmern, gleichzeitig gehören aber Willfährigkeit und Untertanenmentalität zur Bedingung bei Beförderungen.

All das wird in dem Kölner Vorfall durch das Vehikel „ethische Stellungnahme“ transportiert. Dabei sehe ich gleich zwei problematische Entwicklungen:
1. Die Tatsache, dass „ethische Stellungnahmen“ zu einer Art Marschbefehl verkommen, anstatt komplizierte Zusammenhänge zur eigenen Beurteilung aufzubereiten.
2. Es ist kurios, dass sich Mitarbeitende von solchen Stellungnahmen beeindrucken lassen und die Vorgabe als Ersatz für ihr eigenes Abwägen ins Feld führen. Denn hätten sie selbst gedacht, hätte die ärztliche Pflicht zu helfen im Vordergrund stehen
müssen.
Hier entsteht der Eindruck, als könnten wir Moral delegieren und andere für uns denken lassen. Mit „Ethik“ hat das alles wenig zu tun.

Selbst denken!
Hannah Arendt (*1906 +1975) hat es einerseits als „Tätigkeit“ bezeichnet, als die Bedingung, die „dem stummen Zwiegespräch zwischen mir und mir selbst innewohnt“. [Hannah Arendt, Über das Böse. Eine Vorlesung zu Fragen der Ethik. 1965. München 2008, 75] „Denken als Tätigkeit kann aus jedem Ereignis entstehen; es ist da, wenn ich einen Vorfall auf der Straße beobachtet habe oder in ein Geschehen hineingezogen wurde und danach beginne, das, was geschah, zu betrachten, es mir selbst als eine Art Geschichte erzähle, es auf diese Weise für die anschließende Kommunikation mit Anderen aufbereite usw.“ [ebd.] Wer sich weigert zu denken und sich zu erinnern, ist nach Arendt möglicherweise eine hochintelligente, aber „gänzlich gedankenlose Kreatur“. Arendt unterscheidet das Personsein vom „Nur-menschlichSein“. Erst im Denkprozess kann sich die moralische Persönlichkeit konstituieren. Zum repräsentativen Urteil schließlich gelangt die Person, wenn sie sich vom Gemeinsinn leiten lässt, der Sinn, durch den wir zu Mitgliedern einer Gemeinschaft werden, im Stillen die Urteile Anderer heranziehen, abwägen und so die Allgemeinheit denkend mit ins Urteilen einbezieht.[A.a.O. 144]

Aus ihren Erfahrungen im Eichmannprozess entwickelt Hannah Arendt die Überzeugung: die größte moralische und politische Gefahr sei einerseits die Indifferenz gegenüber richtig und falsch, gut und schlecht. Andererseits eine Person, die sich weigert zu urteilen, aus Unwillen oder Unfähigkeit, die sich weigert, sich eigene Beispiele, Vorbilder und Haltungen zu wählen und durch Urteil zu Anderen in Beziehung zu treten. Aus beiden Einstellungen zum Denken entstehe skandalöses Handeln, das nicht durch menschliche Macht beseitigt werden kann, da es nicht von menschlichen oder menschlich verständlichen Motiven verursacht wurde. Darin liege der Horror des Bösen bzw. nach Arendt seine Banalität.

Vor 250 Jahren war es das „sapere aude!“, das die Aufklärung einleitete, an dem sich der Neuhumanismus orientierte und auf dem bis heute die Fundamente unseres Bildungsverständnisses ruhen, das „Wage es, dich deines Verstandes zu bedienen!“. Darauf richtet sich der berechtigte Appell Hannah Arendts, die darin ein entscheidendes Humanum entdeckt. Heute, knapp 50 Jahre nach Erscheinen ihrer Vorlesungen über das Böse klingt uns eher das „Wage es nur nicht, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ im Ohr. Selbst-Denken ist nicht vorgesehen in den Leitlinien des professionellen Handelns und in den Systemen des Qualitätsmanagements, die sich jeweils am statistisch begründeten Allgemeinen und nicht am Besonderen orientieren. Nicht die konkrete Situation, nach Arendt „das Beispiel“, dient hier als Bezugspunkt des eigenen Urteils und wird zum Erkenntnis leitenden Prinzip empfohlen, sondern die institutionalisierte und daher anonyme Anordnung wird als handlungsleitend betrachtet, eine Anordnung, die sich an durchschnittlichen Abläufen orientiert. Es ist also nicht länger allein, wie vor der Aufklärung, der Regent, eine selbstverliebte Oligarchie oder etwa eine kirchliche Kurie, die bewusst zu verhindern versucht, dass Menschen selbst denken, sondern es ist das Phantasma von Leitlinien bzw. der Qualitätssicherung, die angeblich von allen gewünscht sind und doch längst von klugen Drahtziehern zu ihren eigenen Zwecken benützt werden. Es ist das neue System, das wir selbst in Form von Leitbildern und fragwürdigen Evaluierungsprozessen mit gestalten (dürfen? müssen?), womit wir uns letztlich vorgegebenen Parolen unterwerfen und uns selbst zurück in die Reihen bringen.

Aber Menschsein orientiert sich im Gegensatz dazu an der Pluralität, nicht am Mittelmaß. An der Pluralität, in der alle dasselbe sind, nämlich Menschen, dies aber „auf die merkwürdige Weise, dass keiner dieser Menschen je einem anderen gleicht, der einmal gelebt hat oder lebt oder leben wird“ [Hannah Arendt: Vita activa, oder vom tätigen Leben, 1958. Zürich 2006, 17]. Das Handeln im Rahmen dieser Pluralität erfordert den Mut, sich zu zeigen als dieser besondere Mensch in seiner Freiheit. Mut deshalb, da dieses Handeln dem Urteil anderer ausgesetzt ist, die es nach ihnen eigenen Gesichtspunkten und Interessen beurteilen werden und das Handeln dadurch in seiner Zerbrechlichkeit offenbar wird. Das zum Zeitpunkt des Handelns unvorhersehbare Urteil der anderen und die damit verbundenen Deutungen und Transformationen der ursprünglichen Handlung gilt es in der Pluralität zu erdulden. Aber das eigene Handeln des besonderen Menschen birgt die Chance, verantwortlich mit sich und der Welt umzugehen, dadurch ein weiteres Stück Menschlichkeit in die Welt zu setzen und anderen den Mut zu geben, das auch ihrerseits zu wagen.

Im Namen dieses „gewagten“ Humanums würde keine Frau abgewiesen, die nach einer vermuteten Vergewaltigung in großer Not ist. Auch nicht, wenn dabei die Pille danach in den Denkhorizont gerät. Schlimm nur, wenn es Organisationen und der mit ihnen verbundenen Machtausübung gelingt, das Menschsein zu verdrängen, es zu einem Luxusgut zu machen, dessen man sich nicht immer und überall bedienen darf. Und schlimm auch, wenn sich Menschen nur allzu bereitwillig das Selbst Denken abgewöhnen.

Die Indifferenz gegenüber dem eigenen Urteil oder die Weigerung zu urteilen, beide Haltungen, die Hannah Arendt als die Ursache für das Böse entziffert hatte, sind bei uns heute erwünschte und geförderte Haltungen.
Das Kölner Beispiel lehrt uns die Gefahren zu verstehen, die darin liegen, das SelbstDenken zum Beispiel an so etwas wie „ethische Stellungnahmen“ zu delegieren. Die Chancen des Selbst-Denkens liegen in der Stärkung der Menschlichkeit unter uns. Beide Möglichkeiten begleiten uns täglich in unseren Lebensbezügen.


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