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Ein offener Brief zur Diskussion um die Orientierungshilfe „Zwischen Autonomie und Angewiesenheit. Familie als verlässliche Gemeinschaft stärken. Eine Orientierungshilfe des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland“

Von Barbara Zeitler

Sehr geehrter Herr Ratsvorsitzender Schneider,
sehr geehrte Damen und Herren im Rat der EKD,

in den letzten Wochen hat es eine Reihe von sehr kritischen Reaktionen auf die aktuelle Orientierungshilfe gegeben, die sich vor allem auf das dort vertretene Familienbild und die theologische Fundierung der Orientierungshilfe bezogen.

Die Orientierungshilfe hat damit eines ihrer Ziele bereits erreicht: Das Gespräch über die aktuelle Situation von Familien ist aufgenommen. Dabei sollte deutlich werden, wie Familien innerhalb der evangelischen Kirchen in Deutschland ihren Platz haben und Unterstützung finden. Dass die Orientierungshilfe dabei auf Kritik stößt und Diskussionen weckt, überrascht nicht. Dass diese Kritik aber dazu angetan scheint, die ganze Schrift zu diskreditieren, statt sich sachlich mit einzelnen Punkten auseinander zu setzen, ist ärgerlich. Die Orientierungshilfe informiert über die aktuelle Situation, bezieht Position und will zur sachlichen Diskussion führen. Sie ist keine lehramtliche Verlautbarung, die schlichte Kenntnisnahme und Umsetzung fordert. Sie rückt aber Tatsachen und Hintergründe ins Licht, die in einer milieugeprägten Wahrnehmung oft ignoriert werden. Diese Informationen verknüpft sie mit einem Menschen- und Gesellschaftsbild, das auf den biblischen Grundthemen „Gerechtigkeit“ und „Rechtfertigung aus Gnade im Glauben“ beruht und damit im besten Sinn „evangelisch“ zu nennen ist. Zu den Punkten, die die Orientierungshilfe herausarbeitet und die unbedingt weiter zu bedenken und zu diskutieren sind, gehören aus meiner Sicht folgende:

1.Leben in Familien mit Kindern erhöht in Deutschland drastisch das Armutsrisiko. Diese Wirklichkeit trifft Alleinerziehende besonders hart.
2.Haus-, Erziehungs- und Pflegearbeit werden nach wie vor überwiegend von Frauen geleistet und in ihrer Bedeutung für die Gesamtgesellschaft weder ideell noch finanziell angemessen gewürdigt.
3.Familien brauchen gemeinsame Zeit, die von einer enthemmten, ausschließlich Leistungs- und Profit-orientierten Ökonomie zunehmend eingeschränkt wird.
4.Familien mit bikulturellen, auch religiös unterschiedlichen Herkunftstraditionen gehören zur Wirklichkeit der Gesellschaft. Kirchen sind hier herausgefordert zu zeigen und zu leben, wie christliche Kultur und Frömmigkeit alltäglich mit Respekt für andere gestaltet werden kann.

Es gehört zu den zentralen Inhalten der Orientierungshilfe, diese Realitäten sichtbar zu machen und den biblisch begründeten Impuls zu setzen, dass Kirchen in all ihren Wirkungsbereichen daran arbeiten, ungerechte Strukturen und Verhältnisse zu verändern und Familien in ihrer Vielfalt als Teil der Gemeinschaft der Glaubenden partizipieren zu lassen und zu unterstützen. Von all diesen wichtigen Themen lenkt der Richtungsstreit über das „Leitbild Familie“ nachhaltig ab. Für die Wahrnehmung von Kirche und den evangeliumsgemäßen Auftrag der Kirche in der Gesellschaft ist es aus meiner/unserer Sicht dringend notwendig, zu all diesen Punkten im Sinn der Orientierungshilfe klar und gemeinsam Position zu beziehen und innerkirchlich weiter zu arbeiten. Das will ich an meinem Ort gerne tun. Danke für die Beauftragung zur Erstellung der Orientierungshilfe, danke für die Erarbeitung und danke für die Veröffentlichung!

Mit freundlichen Grüßen,
Dr. theol. Barbara Zeitler, Supervisorin und Coach, Leipzig


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