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Emma Watsons Rede vor der UN zu Gleichberechtigung und Feminismus

Von Anna Maria Riedl

Kündigt sich im Bekenntnis „Ich bin Feministin“ der HeForShe-Rede von Emma Watsons ein neues feministisches Selbstverständnis an?

Am 20. September 2014 hat die Schauspielerin Emma Watson – bekannt vor allem als Hermine Granger aus den Harry Potter Filmen – vor der UN eine Rede zur Eröffnung der Gleichberechtigungskampagne HeForShe gehalten.

Das scheint erst einmal kein bemerkenswerter Vorgang. Reden vor der UN sind keine Seltenheit und Emma Watson ist auch nicht der einzige Hollywood-Star, der sich im Namen dieses Gremiums engagiert. Auf den ersten Blick sind es auch keine weltbewegenden Neuigkeiten, die geäußert werden, eher Banales und Altbekanntes zur Gleichberechtigung und Situation von Frauen weltweit. Die Rede ist gespickt mit persönlichen Anekdoten aus dem Leben der Schauspielerin und mit rhetorischen Floskeln (“If not me, who? If not now, when?“). Man kann sich nicht ganz des Eindrucks erwehren, dass hier sicherlich Wichtiges, aber nicht Neues durch ein schönes junges Gesicht aus Hollywood frischen Glanz und Aufmerksamkeit erhalten soll.

Warum also lohnt gerade diese Rede vor der UN einen zweiten Blick? Da wären zu allererst die zahlreichen Reaktionen, die sie hervorgerufen hat: Emma Watsons Auftritt war von FAZ bis Gala, von WDR bis RTL Thema und löste heftige Diskussionen in sozialen Netzwerken und Internetforen aus. Von totaler Begeisterung bis zu völliger, hasserfüllter Ablehnung findet sich dabei die ganze Bandbreite der Emotionen. Da ist z.B. auf der einen Seite die begeisterte Reaktion des 15jährigen Ed Holtom, der in einem offenen Brief an den Sunday Telegraph für die Aussagen Emma Watsons wirbt. Auf der anderen Seite steht der ausgesprochen unschöne Versuch, die Schauspielerin durch schäbige Demütigung zu diskreditieren. Mit einem Countdown im Internet wurde angedroht, persönliche und intime Bilder von ihr zu veröffentlichen. Auch wenn sich diese Drohung im Nachhinein als „Fake“ entpuppt hat, offenbart sie, wie groß die Ablehnung sein muss – zumal wenn man die hasserfüllten und abschätzigen Kommentare auf der entsprechenden Seite liest.
Dass scheinbare Banalitäten so viel Aufmerksamkeit erhalten und so viel Diskussion auslösen, zeigt, dass sie so banal nicht sein können, sondern dass hier der Kern einer gesellschaftlichen Debatte getroffen wird. Es lohnt sich also offensichtlich doch, einen genaueren Blick auf Inhalt und Rednerin zu werfen.

“Women are choosing not to identify as feminists.”
Emma Watson spricht in ihrer Rede deutlich das Unbehagen an, das viele beim Ausdruck Feminismus empfinden. Während es heute eher als cool gilt, wenn ein junger Mann äußert: „ich bin Feminist“, haben vor allem junge Frauen Angst vor den Vorurteilen, die dieses Bekenntnis ihrerseits auslöst. Emma Watson bringt es auf den Punkt, wenn sie sagt:
“And, the more I spoke about feminism, the more I realized that fighting for women’s rights has too often become synonymous with man-hating. […] [M]y recent research has shown me that feminism has become an unpopular word. Women are choosing not to identify as feminists. Apparently, I’m among the ranks of women whose expressions are seen as too strong, too aggressive, isolating, and anti-men. Unattractive, even.“
Das Wort Feminismus ist unpopulär. Deutlich geistert es in den Köpfen herum, das Bild einer männerhassenden Frau, die kompromisslos ihre Ziele verfolgt. Gerne wird sie in der Vorstellung auch alt gedacht, wenig interessiert an Kosmetik, schöner Kleidung, gepflegtem Äußeren, guter Figur. Sie gilt als frustriert, unzufrieden, unbefriedigt … beinah schon ähnlich dem Bild der Hexe im Märchen. Nichts, womit sich ein Großteil von Frauen heute gerne identifiziert, geschweige denn identifiziert werden möchte. Woher dieses Klischee kommt, wird sich nie mehr ganz auflösen lassen. Vermutlich ist es ein Konglomerat aus Feindbildern von Gegnern_innen des Feminismus, dem tatsächlichen Verhalten einiger Vertreter_innen des Feminismus und einer Menge verselbstständigter Vorurteile.

“I decided that I was a feminist“
Und nun steht da Emma Watson – Model und Schauspielerin – und sagt „I decided that I was a feminist“ und entspricht dabei so gar nicht dem Vorurteil. Sie vertritt ein ganz anderes Bild der Feministin. Sie ist schön, glamourös, schmückt immer wieder die Titelbilder von Hochglanzmagazinen und wurde mit zahlreichen Preisen – u.a. dem British Style Award (bestangezogene Britin) – gekürt. Wenn das alles wäre, könnte das eventuell eine traurige Aussage vor allem über junge Frauen – die sich mit ihr identifizieren – und den Feminismus sein. Emma Watson ist aber nicht nur schön, sie hat die Schule mit Spitzennoten abgeschlossen und neben der Schauspielerei ein Literaturstudium an Eliteuniversitäten in den USA (Brown University) und England (Oxford) absolviert. Genau diese Kombination aber macht ihr Bekenntnis zum Feminismus für Gegner_innen so gefährlich. Hier lässt sich nicht das Vorurteil der alten, frustrierten Hexe hervorrufen; auch nicht das eines unwissenden Hollywood-Dummchens, das sich vor jeden Karren für etwas Publicity spannen lässt. Mit Emma Watson ist eine ganze Generation in den Harry Potter Filmen groß geworden. Es wurde verfolgt und bewundert, wie sie sich von der kindlichen und strebsamen Hermine Granger zu einem echten Hollywoodstar entwickelte. Mit ihr identifizieren sich viele gerne. Wenn sie sich zum Feminismus bekennt, kann man sich auch dazu bekennen.

“Men […]. Gender equality is your issue, too”
Emma Watson macht auch inhaltlich klar, was sie mit ihrer Person bereits verkörpert. Der Feminismus, für den sie wirbt, ist kein Kampf verbitterter Frauen gegen Männer, sondern im Idealfall eine gemeinsame gesellschaftliche Bewegung: “Men, I would like to take this opportunity to extend your formal invitation. Gender equality is your issue, too. […] If you believe in equality, you might be one of those inadvertent feminists that I spoke of earlier, and for this, I applaud you. We are struggling for a uniting word, but the good news is, we have a uniting movement.” Diese Bewegung setzt zwar bei den Frauen an, wird aber auf jeden Fall für alle Geschlechter etwas verändern. Diese Veränderung hat größere Chancen positiv für alle zu werden, wenn alle sich daran beteiligen. Emma Watson betont, dass der Kampf gegen Geschlechterstereotypen und -ungerechtigkeiten nicht nur Frauen betrifft. Es geht darum, Rollenzwänge für alle zu überwinden:

„Because to date, I’ve seen my father’s role as a parent being valued less by society, despite my need of his presence as a child, as much as my mother’s. I’ve seen young men suffering from mental illness, unable to ask for help for fear it would make them less of a man. In fact, in the UK, suicide is the biggest killer of men between 20 to 49, eclipsing road accidents, cancer and coronary heart disease. I’ve seen men made fragile and insecure by a distorted sense of what constitutes male success. Men don’t have the benefits of equality, either. We don’t often talk about men being imprisoned by gender stereotypes, but I can see that they are […].”

Irritierend ist in diesem Zusammenhang nicht der Auftritt von Emma Watson, sondern der Name der Kampagne. HeForShe weckt den Eindruck, dass hier Männer etwas für Frauen tun sollen. Eine Menge Verbindungsworte wären besser gewesen als dieses For, das quasi jedes Klischee vom „schwachen Geschlecht“ bedient, das der Hilfe von starken Männern bedarf. Hier zeigt sich, dass der Weg zum Ziel noch weit ist. Und dennoch ist etwas gewonnen. Emma Watson hat vor allem bei einer jungen Generation und mit großer medialer Aufmerksamkeit dafür gesorgt, deutlich zu machen, dass Feministen_innen nicht nur angeblich verbitterte, männerhassende Frauen sind. Sie bedienen eben nicht unbedingt das Vorurteil, das viel zu viele immer noch damit verbinden. Sie zeigt mit ihrer Rede und ihrer Person, dass die Palette breiter ist. Natürlich ist das nicht die Lösung, sondern nur ein kleiner Schritt. Wirklich Entscheidendes ist erst erreicht, wenn jede_r, egal ob frustriert, verbittert oder unzufrieden, ohne Vorurteilen zu begegnen, sagen kann: „Ich bin Feminist_in“. Aber auf dem Weg dahin ist die schöne Emma Watson keine schlechte Verbündete.


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