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Religiöse Kausalitäten, Fundamentalismus und relationale Theologie

Von Andrea Günter

Wie begünstigt das theologische Sprechen der religiösen „Mitte“
Fundamentalismus? Was sind Alternativen?

Worte und Kausalitäten

Ausländerfeindlichkeit oder Klerikalismus, Patriarchalismus oder Kreationismus, solche Weltbilder werden in der Regel als Ausdruck einer fundamentalistischen Haltung verstanden. Dabei wird diskutiert, ob Fundamentalismus eine Randerscheinung von religiösen oder säkularen Gruppen darstellt oder aber fundamentalistisches Gedankengut der „Mitte“ einer Gesellschaft entspringt. Für die zweite Einschätzung spricht, dass soziologische Untersuchungen immer wieder feststellen, wie sehr sogenanntes rechtes Gedankengut doch in der „Mitte“ zu identifizieren sei.

Geht man von der zweiten Einschätzung aus, dann stellt sich dieFrage, wie sich eine Mitte aufbaut, die rechte und fundamentalistische Tendenzen hervorbringt. Stellt man einer solchen Mitte zugleich anheim, dass sie fundamentalistische Tendenzen nicht erzeugen will, kann man eine wichtige These von Hannah Arendt über die Entstehung des Bösen nutzen, um diesen ungewollten Effekt zu verstehen. Denn Arendt hebt hervor, dass das Böse nicht radikal ist, also keine Wurzeln und lokalisierbare Ursachen hat, sondern die Folge eines Extrems darstellt, insbesondere die Folge einer extremen Gedankenlosigkeit: die Ausblendung dessen, was die Auswirkungen des Denkens und Handelns auf andere Menschen bedeutet.

Mit der Verortung vom Fundamentalismus als einer extremen Gedankenlosigkeit inmitten einer Gesellschaft kann die „Mitte“ dahingehend befragt werden, was an Gedankengängen, Sprechweisen und word behavior (John Dewey) diese transportiert, die sich zu dem Extrem entwickeln können, das dann als Fundamentalismus in Erscheinung tritt.

„Ausländer raus!“ – Menschen verhalten sich in Form von Worten, sie beschimpfen, diffamieren und skandieren. „Ausländer nehmen uns die Arbeitsplätze weg“ oder auch „Wir müssen die christlichen Werte schützen“ – da Sätze immer auch Kausalmuster transportieren, verhalten sich Menschen mit ihren Worten kausal. Nicht bloß Beschimpfungen, gerade der Komplex, wie word behavior Kausalität behauptet, bietet Anlässe für extreme Denkgebilde.

Bestimmte theologische Konzepte verstärken die Kausalitätsmuster, die zu fundamentalistischem Denken anleiten. Viele Situationen aus religiösen Kontexten kommen in den Sinn, aus denen sich problemlos Fundamentalismen herleiten lassen. So war ich aus familiären Gründen im September dieses Jahres bei einem Einschulungsgottesdienst für Erstklässer_innen. Das Kind, wegen dem ich diese Feier besuchte, hat ein offenes, pantheistisches Gottesbild, in dem Jesus, Gott und Maria eine Rolle spielen, wobei es Gott ebenso in den Tiefen eines Sees als Fisch wie auch im Himmel ansiedeln kann, während sein verstorbener Vater auf einen Stern wohnt und von dort auf die Menschen schaut. Die Rede des Pfarrers habe ich hiergegen als ungut monotheistisch erlebt. Er folgte uneingeschränkt dem Duktus “Gott macht, tut und weiß alles”: „Gott hat dich geschaffen.“, „Gott beschützt dich auf deinen Schulwegen.“, „Gott tröstet dich.“ Usw.

Word behavior, causal behavior

Was vermitteln solche Gottesbilder nun Kindern? Gott, der Verursacher, Begleiter und Beherrscher von allem und jedem, ist das noch ein zeitgemäßes Gottesbild? Gott als einer, der Individualität determiniert und unendliche Gedanken beherrscht, wie wirkt sich ein solches Gottesbild auf die Pluralität der Menschen aus? Dieser Gott ermöglicht auf jeden Fall Kreationismus als Kausalitätsmodell, wüsste ferner alle Antworten, verspräche repräsentationslogische Wortwörtlichkeit, machte Frevler eindeutig identifizierbar. Eine derartige umfassende Determiniertheit selbst der Individualität bereitet dem Individuum Angst und Schrecken, zeigt hiergegen schon der Psalm 139 an.

Außerdem, wurde uns zu Beginn des Theologiestudiums nicht gesagt, dass wir derartige kindliche Gottesvorstellung verabschieden müssen, um theologisch denken zu lernen? Warum aber bringt man sie den Kindern erst bei? Hat ein Pfarrer, der derart redet, sein eigenes kindliches Gottesbild in ein ernsthaft theologisches verwandelt? Wird hier eine falsche Verbindung von Gottesbild und Kindlichkeit zelebriert, die theologische Unreifheit bzw. eine unreife theologische Sprache bemäntelt?

Was haben solche Probleme des theologischen word behavoir nun mit
Fundamentalismus zu tun? Auch der Fundamentalismus repräsentiert eine
Kausalitätsordnung: Eindeutigkeiten sind letztbegründet, Bestimmtheiten gelten ewig, Tatsächlichkeiten werden als unumstößlich ausgegeben, Individualität und Pluralität erscheinen als Störfaktor. Darüber hinaus soll all das derart Behauptete und Qualifizierte geradewegs weltliche Tatbestände begründen. Unabhängig von einem jeden Inhalt, sei er theologisch, sei er säkular, ist ein jeder Fundamentalismus ein theologisches politisches Konzept, denn er gründet eine ontotheologische Praxis, die damit einhergeht, einen Inhalt als ein Eindeutikum und Absolutum definieren und diese ferner innerweltlich realisieren zu glauben können. Solche Haltungen gegenüber den Menschen und den Dingen sind religiös. Sie in Weltverhältnisse umsetzen zu wollen, Weltverhältnisse vereindeutigen zu wollen, erzeugt Gewalt. Unrechtgläubige werden schnell und eindeutig identifizierbar, sie müssen bestraft werden, spätestens wenn sie vor Gott stehen, ereilt sie ihr Lohn.

Welche Kausalitäten lernen Kinder in westlichen Kontexten zu Beginn des 21. Jahrhunderts durch solche Gottesbilder? Welche könnten und sollten sie in Zeiten von Interkulturalität, Interdisziplinarität, systemischer Denkrichtungen, der Kybernetik zweiter Ordnung, Handwerkervernunftskonzepten (Richard Sennett) usw. stattdessen lernen? Der Pantheismus meiner Erstklässlerin ist mir viel lieber als ein fundamentalisierender Einheitsallmachtsgott. Ein guter Pantheismus ist offen und vielschichtig, was Kausalitätsvorstellungen betrifft. Richtig konturiert fordert er Öffnungen des Kausalen regelrecht heraus. So bringt mich die erwähnte religiös spielerisch veranlagte junge Schülerin dazu, nach einer postmodernen intelligenten Definition des Pantheismus zu suchen. Die Variante „Gott ist in allen Dingen“ ist nur eine eingeschränkte Möglichkeit, Pantheismus zu entwerfen. Denn Dinge sind nicht einfach versteinerte Gegenstände, sondern gehen mit sehr unterschiedlichen Kausalitätseffekten einher. Gott im Himmel und Gott im Wasser: Ein Wassergott bewegt sich anders als ein Luftgott. In den Kausalitätsmustern aller Dinge finden sich also reichhaltige Kausalitätsvarianten. Diese Varianten wiederum müssen nicht auf einen Nenner gebracht werden, sondern können regelrecht in ihrer Varianz gewürdigt werden. Dies erlaubt ein Pantheon der Kausalitäten „Gott“, womit das Göttliche statt als allmächtig als kausaldifferent und Kausalitäten differenzierend gedacht werden kann.

Lasst uns also im Pantheon alle Gottheiten versammeln. Damit kann der
unbekannte Gott unbekannt sein, es muss nicht wie der Paulus der
Apostelgeschichte so getan werden, als würde ausgerechnet der Prophet der eigenen Religion ihn verkünden. Ein solcher Pantheon kann vielmehr daraufhin befragt werden, welche Gottheiten eigentlich kausalitätslogisch versammelt und ergänzt werden müssten. Es kann systematisiert werden, an welche Kausalitätstypen man denken kann, wenn es um Göttliches geht. Allein schon die Meeresgöttin, der Nilgott und die Quellgottheit stellen unterschiedliche Kausalitäten dar, die mit Wasser zu tun haben. Dazu kommen der Kriegsgott, die Herdgöttin, der Donnergott, der Liebesgott, die Jagdgöttin, der Ich-bin-immerwieder-da-Gott, der abwesende Gott, der unbekannte Gott, die Gottheit der Pluralität und Einzigartigkeit, der unübersetzbare, der unbenennbare Gott. Statt der verdinglichenden Personifikation kann das allegorische Moment des göttlichen Kausalen betont werden – die Bibel der gerechten Sprache geht mit gutem Beispiel voran, indem sie unterschiedlichste Gottesbezeichnungen nebeneinander stellt, die unterschiedlichste Kausalitätsmuster des Göttlichen repräsentieren.

Eine relationale Theologie der vielen Kausalitäten

Aber noch ein weiteres Moment stieß mir bei dem oben erinnerten Gottesdienst auf. Ich habe kein einziges Mal eine Äußerung gehört wie “Ich als Christ bin überzeugt von [xy].“ oder „Ich glaube, dass Gott dich auf deinem Schulweg beschützt”. Schon eine solche Geste wäre eine Relativierung der UrsprungsDeterminiertheits-Kausalitäts- und Absolutheits- Eindeutigkeits-Metaphysik. Es ist eine Geste, die für eine religiös multiple Gesellschaft wichtig wäre. Kinder würden dann unmittelbar im Zusammenhang mit theologischen Aussagen lernen, dass religiöse Aussagen Überzeugungen von einzelnen Menschen und Glaubensinhalte von religiösen Gemeinschaften darstellen. Das Credosein eines Credos könnte als Form geheiligt und so zelebriert werden, dass nicht die Abgrenzung von Irrlehren, vielmehr das Subjektive und Intersubjektive des Bekennens „wir glauben“–„ich glaube“–„ihr glaubt“ in den Vordergrund zu treten vermag.

Anstelle des deterministischen word behavior überzeugen mich beispielsweise Joanne K. Rowlings Kausalitätskonzepte. Zur Veranschaulichung sei eine Stelle aus der deutschen Filmversion „Harry Potter und der Gefangene aus Askaban“ herangezogen, deren Übersetzung dem englischen Original mehr entspricht als die deutsche Buchversion: Der gefährliche Sirius Black ist in Hogwarts eingedrungen. Professor Snape hat wichtige Räume kontrolliert, ihn aber auch nicht finden können. Er befragt den Schulleiter Professor Dumbledore daraufhin: „Haben Sie eine Theorie darüber, wie er hat eindringen können?“ Die Antwort des Schulleiters lautet: „Viele. Eine unwahrscheinlicher als die andere.“ Kurz darauf fährt er fort: „Ich bin überzeugt, dass Hogwarts ein sicherer Ort ist.“ Und weiter: „Keiner der Dementoren wird die Schule betreten, solange ich ihr Leiter bin.“ Vielleicht sind die Potter-Romane von Rowling oder auch die Tintenherz-Folgen von Cornelia Funke so erfolgreich, weil sie jungen Menschen aktuelle Kausalitäts- und Wirklichkeitsmodelle nahebringen.

Ein deklarierendes word behavior vermittelt theologisches Sprechen als eine relationale Theologie: als eine Theologie, die in Relationen zwischen Menschen betrachtet werden muss, was wiederum von einer Theologie der Beziehung unterschieden werden muss. Während eine Theologie der Beziehung das Beziehungsgeschehen zwischen Gott und Menschen thematisiert, beachtet eine relationale Theologie, dass theologisches Reden und theologische Inhalte nicht ohne Menschen, ihre Beziehungsgeflechte, Wort- und Sprechhandlungen gedacht werden können. Eine relationale Theologie beruht darauf, theologisches Gesprochenes, theologisches Sprechen und die konkreten Sprechkulturen, mit denen die menschliche Pluralität kontextgebunden geregelt wird, als einen Gesamtzusammenhang in Betracht zu ziehen. Indem eine relationale Theologie theologisches Sprechen nämlich grundsätzlich als ein relationales Phänomen und menschliches Miteinandersein markiert, schützt sie davor, dass irgendein Gedankengut – welches auch immer – Rechthaberei eröffnet und fundamentalistisch werden kann: ohne Verantwortung für das Zusammenleben und -wirken der Menschen in Verschiedenheit formuliert werden darf.


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