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Rechtsextreme Tendenzen im christlichen Glaubensspektrum als relevantes Thema für feministische Theologie und Praxis

Von Sonja Strube

Welche Allianzen finden sich im Internet zwischen rechten/ rechtsextremen Gruppierungen und konservativ-christlichen Kreisen? Der Kampf gegen den Genderismus zum Beispiel verbindet beide Seiten…

In Erinnerung an Kornélia Buday

Rechtsextremismus – ein für die ESWTR relevantes Thema?
Ein Erstarken rechtspopulistischer wie rechtsextremer Parteien, wie es sich z.B. in der Europawahl 2014 gezeigt hat, lässt sich nicht durch einzelne gewalttätige Extremisten am äußersten Rand der Gesellschaft erklären, sondern nur durch eine weite Verbreitung rechtsextremer Einstellungen in der Mitte der jeweiligen Gesellschaft, die als Potenzial durchgängig vorhanden und situativ aktivierbar sind. Als geachteter und als vertrauenswürdig geltender Teil der “Mitte” europäischer Gesellschaften sind ChristInnen, so meine Beobachtung, zu einer umworbenen Zielgruppe selbst verfassungsfeindlich-rechtsextremer Parteien geworden. Zugleich erfüllen neurechts engagierte christliche Gruppierungen inzwischen auch in Europa eine wesentliche Brücken- und Scharnierfunktion in die bürgerliche Mitte.
Eine befreiungstheologisch orientierte feministische Theologie deckt die komplexen Unterdrückungsmechanismen patriarchalischer Strukturen auf, sodass mich als feministische Theologin Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, Antisemitismus, Antiziganismus, antimuslimischer Rassismus, die Abwertung von Arbeitslosen, Obdachlosen und Menschen mit Behinderungen als Elemente einer die Gottebenbildlichkeit aller Menschen missachtenden “Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit” (Heitmeyer) und einer spezifisch rechten Ideologie der Ungleichwertigkeit ebenso unmittelbar angehen wie klassischer Sexismus oder Homophobie. Eine Beschränkung feministischer Forschung auf die beidenletztgenannten Aspekte würde den größeren ideologischen Kontext der Anfeindungen verkennen und einer Entsolidarisierung der verschiedenen von Abwertung betroffenen Menschengruppen Vorschub leisten.[WissenschaftlerInnen mit Schwerpunkt Genderstudies werden zunehmend mit Hass konfrontiert, der einen dezidiert rechten ideologischen Hintergrund hat: vgl. Voß, Gegen Schmähungen und Beleidigungen]
Dennoch ermöglicht die Erforschung rechtsextremer Tendenzen in sich christlich verstehenden Gruppierungen dezidiert gendertheoretische und queere theologische Forschungsprojekte. Religiöser Fundamentalismus, wie er mit politisch extrem rechten Positionierungen in christlichen Milieus meist einhergeht, lässt sich mit Martin Riesebrodt als “patriarchale Protestbewegung” beschreiben. Rechtsextremismus wird unter Genderaspekten beforscht, unter denen hegemoniale Männlichkeit und männliche Hegemonie (s. Virchow) ebenso eine Rolle spielen wie die vermeintliche Harmlosigkeit scheinbar friedfertiger Frauen, denen die rechtsextreme ideologische Unterwanderung von Elternkreisen, Schulpflegschaften etc. dadurch umso leichter gelingt. [Dazu: http://www.gender-und-rechtsextremismus.de/]
Dieser Artikel stellt unterschiedliche Facetten unheiliger Allianzen recht(sextrem)er [Die Schreibweise signalisiert die fließenden Übergänge] und christlicher Gruppierungen exemplarisch anhand deutschsprachiger Internetaktivitäten vor. Damit will er Theologinnen aus anderen Sprachräumen Hilfestellungen für eigene Nachforschungen geben. Ziel ist es, möglichst viele LeserInnen zu befähigen, rechtsextreme Tendenzen in ihren Kirchen zu erkennen, ihre jeweiligen Kirchenleitungen und Bischofskonferenzen, Gemeindemitglieder und ggf. PolitikerInnen auf die Problematik aufmerksam zu machen und gesellschafts- wie kirchenpolitische Gegenstrategien zu entwickeln.

Strategisches Zugehen recht(sextrem)er Gruppierungen auf ChristInnen
Betrachtet man die internetmedial sichtbar werdenden Koalitionen zwischen politisch rechten und christlichen Gruppierungen, so lassen sich zwei verschiedene Bewegungsrichtungen ausmachen, die sich in der Praxis teilweise bis zur Ununterscheidbarkeit mischen: 1.) das strategisch motivierte Zugehen recht(sextrem)er Kreise auf ChristInnen, um den Anschein gesellschaftlicher Mittigkeit zu erzielen, sowie 2.) die bewusst gesuchte Zusammenarbeit sich christlich verstehender Kreise mit recht(sextrem)en Gruppen und Medien bis hin zum Extremfall eigenen rechtsextremen Agierens (etwa bei kreuz.net). Da im zweitgenannten Fall die persönliche Religiosität eine wesentliche Antriebsfeder des politisch rechten Engagements ist, ergeben sich daraus kritische Forschungsfragen an entsprechende Frömmigkeitsstile.
Mit gesucht großer Anschlussfähigkeit an konservativ-christliche Kreise agitieren Rechtsextreme gegen Muslime, Homosexuelle und gegen Abtreibung, doch bedarf es des Verdachts und der Recherche, um zu erkennen, dass sie Demonstrationen gegen Abtreibung unterwandern, Engagement gegen sexualisierte Gewalt instrumentalisieren [Dazu:Lehnert/Radvan/Petersen, Instrumentalisierung] oder Kundgebungen gegen Christenverfolgungen selbst organisieren. So werben die als rechtsextrem eingestufte Pro-Bewegung (Pro Köln/Pro NRW), [S. Verfassungsschutzbericht NRW 2013, 35-56] der rechtspopulistische Weblog „Politically Incorrect“ (PI), dessen Islamfeindschaft volksverhetzend genannt werden kann [Dazu: ʺAuf PI läuft eindeutig Volksverhetzungʺ Interview mit Wolfgang Benz in der Frankfurter Rundschau vom 15.09.2011; der Verfassungsschutzbericht Bayern 2013, 140-141, attestiert der Münchner PI-Gruppe ʺVerfassungsschutzrelevante Islamfeindlichkeit”], oder die NPD-nahe Münchner „Bürgerinitiative Ausländerstop“ für Demonstrationen radikaler christlicher AbtreibungsgegnerInnen und dokumentieren zum Teil seit Jahren regelmäßig ihre eigene Beteiligung daran (etwa an: „1000 Kreuze für das Leben“/“Marsch für das Leben“) [Etwa: link, link und link]. Die Möglichkeiten einer Relativierung des Holocausts [Holocaustleugnung und fanatischer Kampf gegen Abtreibung treten oft im Verbund miteinander auf: vgl. denHolocaustleugner und radikalen Abtreibungsgegner Johannes Lerle und den so genannten Pornojäger Martin Humer,auf gloria.tv anlässlich seines Todes geehrt, als Unterstützer des Neonazis Gerd Honsik . Klaus Günter Annen, Betreiber der Seite www.babycaust.de, von idea zum Lebensrechtler des Jahres 2003 gewählt, bezeichnet im Interview der Seite Muslim-Markt vom 14.7.2006 die Shoah zwar als Verbrechen, fährt dann aber fort: ʺWeltweit werden jährlich ca. 60-80 Millionen ungeborene Menschen ermordet. Angesichts solcher Zahlen kann man sich schon die Frage stellen: Was war da der Holocaust?ʺ] sowie der Verknüpfung mit völkisch-rassistischen Argumentationen
(„Volksgemeinschaft“, „Volkstod“) [Vgl. das NPD-Video einer Aktion auf dem Katholikentag 2008 in Osnabrück] machen das Thema Abtreibung für Rechtsextreme interessant.
Europaweit geben Protagonisten des extrem islamfeindlichen Spektrums vor, sich für Menschen- und Frauenrechte, verfolgte ChristInnen oder das „christliche Abendland“ einzusetzen, so etwa der unter dem Pseudonym „Michael Mannheimer“ agierende Karl Michael Merkle, der auf seinem gleichnamigen Weblog für den Internetpranger „Nürnberg 2.0“ wirbt und zu Gewalt aufruft. [Michael Mannheimer, Nürnberg 2.0; Gewaltaufruf. Vgl. Jung, Am Pranger; Lau, Wer steckt hinter Nürnberg 2.0] Eine ähnliche Handschrift trägt der anonym betriebene Weblog „Kopten ohne Grenzen“ (koptisch.wordpress), der unter
Vorspiegelung, Stimme verfolgter Kopten zu sein, antimuslimischen Rassismus und volksverhetzende Inhalte verbreitet und den rechten Parteien „Die Freiheit“ (verfassungsschutzrelevante Islamfeindlichkeit) und „Pro NRW“ (rechtsextrem) nahesteht [link; link. Zu “Die Freiheit”: Verfassungsschutzbericht Bayern 2013, 139-140].
Islamfeindschaft gehört nicht zu den klassischen Elementen des Rechtsextremismus, wird von ihren ProtagonistInnen jedoch europaweit betrieben mit dem erklärten Ziel der Etablierung rechtsextremer Politik [Zu antimuslimischem Populismus als einer politischen Strategie zur Etablierung einer rechtsgerichteten Partei äußerte sich Markus Beisicht, Vorsitzender von pro Köln und pro NRW, im Interview ʺWir sind die Stimme der Bürgerʺ der Jungen Freiheit am 19.09.2008. Vgl. Alexander Häsuler, Muslimfeindlichkeit als rechtsextremesEinfallstor], als kulturell-religiös spezifizierter antimuslimischer Rassismus inhaltlich oft mit klassischem Rassismus kombiniert, teilweise auch als Ersatzhandlung anstelle des stärker tabuisierten Antisemitismus gehandhabt. Ideologisch geht es um den Aufbau einer breit konsensfähigen Eigengruppenidentität in radikaler Abgrenzung zu dem, was als “fremd” definiert wird, strategisch um die Ermöglichung von Koalitionen mit bürgerlichen, gegebenenfalls sogar emanzipatorischen oder “linken” Personenkreisen (Querfrontstrategie). Die verschiedenen rechtspopulistischen Parteien und antimuslimisch hetzenden, teilweise gewaltbereiten Gruppierungen Europas (z.B. die aus der Hooliganszene hervorgegangene English Defence League EDL, Norwegian DL, Danish DL, “Stop Islamisation of Denmark” SIOD, “Stop Islamisation of Europe” SIOE) sind untereinander gut vernetzt.
Um rechtsextremen Agitationen in die Kirchen hinein wirkungsvoll zu begegnen, ist es wichtig, die AgitatorInnen (Parteien, Vereine, Medien, gewaltbereite oder rechtsextrem agierende Personen) zu enttarnen, ihre Motive und Ideologien präzise aufzudecken und dies beharrlich Kirchenleitungen sowie kirchlichen und bürgerlich-konservativen Kreisen
bekannt zu machen.

Die intellektuelle Neue Rechte und ihre Zusammenarbeit mit christlichen
Gruppierungen

Für ChristInnen und Kirchenleitungen besonders relevant ist Hintergrundwissen über die sich intellektuell gebende Neue Rechte (NR; Nouvelle Droite; New Right; Intellektuelle Rechte) [Der englische Begriff meint hier die in Anlehnung an die französische Nouvelle Droite agierenden Strömungen im Unterschied zu Bewegungen des Neokonservativismus bzw. Neoliberalismus, die in den USA und Großbritannien z.T. mit demselben Terminus bezeichnet werden], deren VertreterInnen bewusst ein konservativ-bürgerliches Image pflegen und hauptsächlich über journalistische und publizistische Tätigkeiten, Medien und Vorträge meinungsbildend agieren. Entsprechend begegnet man der NR in erster Linie in ihren Medien, die eine Scharnier- bzw. Brückenfunktion in den demokratischen Konservativismus hinein einnehmen. Ebenso spielen Theoriezirkel wie der französische GRECE (Groupement de recherche et d’études pour la civilisation européenne) [Vgl. link] eine Rolle. Ideologisch bezieht sich die NR auf die „Konservative Revolution“ in der Weimarer Republik mit Vertretern wie Oswald Spengler, Ernst Jünger und Carl Schmitt zurück. Längst lässt sich eine ausgeprägte Zusammenarbeit, sogar personale Verflechtung zwischen neurechten und sich christlich verstehenden Gruppen beobachten. Neurechte Medien wie z.B. die Wochenzeitung „Junge Freiheit“ bemühen sich, durch gezielte Berichterstattung und Zusammenarbeit mit Personen aus dem christlichfundamentalistischen, katholisch-traditionalistischen bzw. evangelikalen Spektrum (insbesondere der der Deutschen Evangelischen Allianz nahestehenden unabhängigen Nachrichtenagentur idea e.V.), eine konservativ-christliche Leserschaft zu erreichen. [Vgl. Kornexl, Das Weltbild, 514-529. Christian Uhrig präzisierte diese Beobachtungen vor allem für den evangelischen Bereich mit einer Studie für das Jahr 2010, vgl. dazu Uhrig, Remid-Interview]
Umgekehrt werben diverse sich christlich verstehende Internetmedien und Weblogs ungeniert für neurechte Medien, verlinken auf sie und werden ihren LeserInnen auf diese Weise selbst zur Brücke ins politisch rechte Lager [Etwa: www.kath.net, www.medrum.de, www.die-evangelikalen.de, www.ead.de, www.pius.info; Blogs wie charismatismus.wordpress.com/, kreidfeuer.wordpress.com/kreidfeuer/, http://www.unzeitgemaessebetrachtungen.blogspot.de/; vgl. Strube, Das rechte Scharnier]. Exemplarisch wird an der Website der Deutschen Evangelischen Allianz deutlich, wie eine optisch, sprachlich und von ihrem Anspruch her seriös erscheinende christliche Internetseite ihre gutgläubigen LeserInnen unter positiven Vorzeichen sogar mit rechtsextremen Personen und Parteien vertraut macht. [Vgl. Strube, Rechtsextremismus, 187-189; dies., Shitstorm; dies. Stellungnahme] Texten von „koptisch.wordpress“ begegnet man dort bislang 189 mal.[Suche mit ʺkoptisch.wordpressʺ in Suchfunktion (http://www.ead.de/suchergebnis.html, 21.11.2014)]
Der Artikel „Demo gegen Christenverfolgung“ vom 22.09.2013 stellt den LeserInnen Michael Mannheimer als Menschenrechtler der „Weißen Rose“ [Hier geht es um eine von Mannheimer und weiteren islamfeindlich-rechten Protagonisten gegründete Gruppe dieses Namens: http://www.pi-news.net/2012/07/die-ruckkehr-der-%E2%80%9Eweisen-rose%E2%80%9C/ (21.11.2014). Die studentische Widerstandsgruppe um die Geschwister Scholl wird, ebenso wie der Widerstand des 20. Juli und Kardinal von Galen, in rechten Kreisen zum Zweck der Selbstinszenierung als Widerständler und Märtyrer missbraucht; vgl. auch die Übernahme des Wahlspruchs von Galens auf www.kreuz-net.at] vor und bringt sie unter positiven Vorzeichen in Kontakt mit Politikern, über deren Zugehörigkeit zur rechtsextremen Gruppierung „Pro Köln/Pro NRW“ die LeserInnen nichts erfahren und von denen einer bereits wegen zahlreicher Delikte verurteilt wurde, u.a. wegen Körperverletzung an einer Frau mit Migrationshintergrund. [Zu den Delikten des Jörg Uckermann siehe: Andreas Damm, Pro Köln-Prozess gegen vier Ratsmitglieder] Andere (von „Politically Incorrect“ übernommene) Artikel auf der Website der DEA stellen Protagonisten der gewaltbereiten europäischen antimuslimischen Szene als seriöse Fachleute zum Thema Islam vor. [Etwa Stephen Yaxley-Lennon alias Tommy Robinson im Artikel “Frankreich: Internationale Islamisierungskonferenz”]

Der “Kampf gegen den Genderismus” als gemeinsames Betätigungsfeld
Ein weiteres Beispiel für das Zusammenspiel sich christlich verstehender Initiativen und rechter Medien zeigt die Internetpetition „Kein Bildungsplan unter der Ideologie desRegenbogens“, die im Dezember 2013 ein evangelikaler Lehrer aus BadenWürttemberg startete. Die Petition richtet sich gegen Pläne der badenwürttembergischen Landesregierung, an Schulen verstärkt eine Haltung der Akzeptanz zu fördern, inklusive der Akzeptanz sexueller Vielfalt. Auf der Startseite der Petition lässt sich erkennen, dass ein Großteil der UnterzeichnerInnen über den rechtspopulistischen Weblog „Politically Incorrect“ zur Petition gefunden hat, der im Januar 2014 eine 21-teilige Serie zur Petition veröffentlichte. Über die an die Petition anschließenden Aktionen der „Demo für alle“ [Der Weblog http://demofueralle.wordpress.com/ wird getragen von mehreren dem Lebensschutz verpflichteten christlichen Vereinen; Ansprechpartnerin ist Hedwig von Beverfoerde; Sitz des Vereins ist die Zionskirchstr. 3 in Berlin, die ebenfalls Büro der zahllosen Internet-/Aktivitäten der AfD-Politikerin Beatrix von Storch und ihres Ehemanns Sven ist: www.freiewelt.net, Institut für strategische Studien Berlin ISSB e.V., Zivile Koalition e. V., Allianz für den Rechtsstaat e.V., www.1-von-uns.de, www.beatrixvonstorch.de, www.abgeordneten-chek.de, eucheck.org], maßgeblich mitgestaltet von den beiden der JF verbundenen und zu einem extrem konservativen Katholizismus konvertierten Autorinnen Gabriele Kuby und Birgit Kelle [Kuby ist JF-Autorin; Kelle gewann im November 2013 den von der JF verliehenen Gerhard-Löwenthal-Preis. Vgl. auch das Streitgespräch zwischen Claudia Janssen und Birgt Kelle „Ist Gender gut oder gefährlich?“ vom 12.6.2014 in idea-Spektrum 24/2014, 16-20], berichten wiederum dezidiert PI sowie das Nachrichtenportal blu-news, betrieben von Christian Jung, dem ehemaligen bayrischen Landesvorsitzenden der islamfeindlichen Partei „Die Freiheit“ [http://www.pi-news.net/2014/07/demo-fuer-alle-grosser-video-und-fotobericht/; http://www.blunews.org/2014/07/03/demo-fuer-alle-gegen-gruene-politchaoten-teil-2/, 11. August 2014. Das Impressum von blunews nennt Christian Jung, zeitweilig Bayrischer Landesvorsitzender DER FREIHEIT].

Rechtsextremismus unter dem Deckmantel des Glaubens
Eine extreme Mischung traditionalistisch-katholischer Inhalte und unverhohlen rechtsextremem Gedankenguts – Verharmlosung, z.T. Verherrlichung des Nationalsozialismus, Holocaustleugnung, Antisemitismus schlimmster Art, Werbung für Neonaziaufmärsche am Grab von Rudolf Heß, daneben extreme Menschenfeindlichkeit, vor allem gegen Homosexuelle – fand sich von 2004 bis 2012 auf der stark frequentierten anonymen deutschsprachigen Webseite kreuz.net. Seit durch die Initiative “Stoppt kreuz.net” Namen von Autoren, Zuträgern und Betreibern bekannt wurden, wurde offenbar, dass neben Mitgliedern der schismatischen Piusbruderschaft (FSSPX) auch römisch-katholische Priester an diesem Projekt beteiligt waren [S. Strube, Rechtsextremismus, 182-187]. Das Problem ist also durchaus ein innerkirchliches, für das fundamentalistische Frömmigkeitsstile besonders dispositionieren.
Ein ähnliches Zusammenspiel konservativ-katholischer Frömmigkeit und explizit rechtsextremen Gedankenguts liefert die englischsprachige private Website christusrex.org, die nach eigenen Angaben eine umfangreiche Daten- und Bildersammlung kirchlicher Kunst bereitstellen will und auch auf zahlreiche vatikanische Seiten verlinkt, vor allem aber auf Seiten mit rechtsextremen und extrem antisemitischen Inhalten, die den Holocaust leugnen, u.a. auf “stormfront”, auf die Zündelsite des Holocaustleugners Ernst Zündel sowie auf Standardwerke der Holocaustleugnung (Arthur R. Butz, The Hoax of the Twentieth Century; Austin J, App, The Six Million Swindle) [www.christusrex.org verlinkt auf die Website www.vho.org für “historischen Revisionismus” (Selbstbezeichnung; http://vho.org/aaargh/fran/livres9/APP6million.pdf, http://vho.org/aaargh/fran/livres3/HoaxV2.pdf);
http://www.zundelsite.org/; https://www.stormfront.org/jewish/antisemite.html ]. Ihr Betreiber, der US-Bürger Michael Olteanu, ist nach eigenen Angaben Laien-Mitglied der von Stefano Gobbi begründeten Marianischen Priesterbewegung “Movimento Sacerdotale Mariano”.

Was haben ESWTR-TheologInnen von diesen Informationen?
Aufgrund der internationalen Vernetzung, nicht zuletzt durch das Internet ermöglicht, ist zu erwarten, dass ähnliche Phänomene wie die beschriebenen auch in anderen Sprachräumen und in Kirchen aller christlichen Konfessionen zu beobachten sind. Wird der religiös motivierte Brückenschlag ins rechtsextreme Lager in Theologie und Kirchen nicht als solcher wahrgenommen, so scheint es je nach eigener Einstellung bloß um einen frauen-, familien- und gesellschaftspolitischen Backlash, legitimen Konservativismus oder gar lobenswerte Frömmigkeit zu gehen. Vernetzungen in den gewaltbereiten Bereich werden ebenso übersehen wie politische Einflussnahmen und gezielte mediale Desinformation. Ebenso kommt es zu einem Verkennen von Ursachen, wenn wichtige Forschungen zu politischen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und psychologischen Ursachen für das Erstarken rechtsextremer Einstellungen nicht in die theologische (Fundamentalismus-)Forschung einfließen. Das Wahrnehmen dieser Zusammenhänge kann dagegen dazu führen, dass in Theologien und Kirchen das Bewusstsein für die grundsätzliche Problematik autoritärer Frömmigkeitsstile geschärft wird, dualistisch-menschenfeindliche religiöse Praxen an Ansehen verlieren und menschenfreundliche Praxen gefördert werden.

Literatur
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(http://www.remid.de/blog/2012/11/studie-ueber-junge-freiheit-christentumund-islamfeindlichkeit-statt-heidentum/.
– Weber, Regina, Rechtsextremistinnen. Zwischen Kindererziehung und nationalem Kampfauftrag, Berlin 2012.


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