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„Gender ideology“: Neuer kirchlicher Antifeminismus

Von Andrea Günter

Der Terminus „gender ideology” wird in kirchlichen Kontexten zunehmend als Waffe gegen frauenbewegte Ambitionen eingesetzt

Geschlechterverhältnisse – Ideologie – Kritik

„Gender Ideologie“ oder „Geschlechterrollenideologie“ ist ein Terminus aus der (feministischen) Soziologie, der darauf hinweist, dass Geschlechterbilder und Geschlechterrollenzuschreibungen kritisiert werden müssen. Allerdings, in kirchlichen Kontexten scheint dieser Terminus zunehmend als Waffe gegen frauenbewegte Ambitionen eingesetzt zu werden, berichten Frauen auf europäischen Tagungen, unter anderem auf der osteuropäischen ESWTR-Konferenz in Split, Kroatien im Sommer 2012. So wird Frauen, die (nicht nur) in kirchlichen Kontexten Frauen- und Geschlechterthemen einbringen wollen und allein schon durch diesen Impuls Geschlechterverhältnisse in Kirche und Gesellschaft infrage stellen, vorgeworfen, sie betrieben „gender ideology“. Die Intention des Terminus „gender ideology“ ist damit regelrecht pervertiert. Statt als Anleitung dafür zu dienen, Geschlechterverhältnisse zu kritisieren, wird er dazu benutzt, die Kritik an Geschlechterverhältnissen zu kritisieren. Geschlechterverhältnisse zu kritisieren wird zur Ideologie erklärt.

Kritik an der Ideologiekritik und der Konservatismus

In dem Vorwurf, frauenbewegte Frauen säßen der „gender ideology“ auf, trifft ein seltsames Wortpaar aufeinander: „gender“ und „ideology“. Beginnen wir mit dem zweiten Wort. Der Begriff „Ideologie“ besagt, dass das geläufige Denken nicht mit der Realität übereinstimmt, sie regelrecht verdeckt, und das auf eine Weise, dass regelrecht falsch entschieden und gehandelt wird. „Ideologiekritik“ wiederum besteht darin, solch falsche Vorstellungen zu analysieren. Im schlechten Falle wird damit die eine Ideologie durch eine andere ersetzt. Im besten Falle wird dadurch die Realität stark gemacht, jedoch nicht bloß eine bestimmte Realität, sondern der Bezug zur Realität überhaupt. Aus der Ideologiekritik als Verfahren folgt, solche Haltungen zu stärken, die, statt dieser oder jener Vorstellung zu folgen, die Beziehung zur Realität öffnen und offen halten.
Kann man einer Ideologiekritik nun Ideologie vorwerfen? Wenn es um die konzeptionelle Ausrichtung der Kritik einer bestimmten Ideologie geht, bestimmt. Was die neue inhaltliche Ausrichtung wäre, diesbezüglich scheiden sich die Geister regelmäßig. Wenn es aber um die Kritik der Praxis des Kritisierens geht, scheiden sich da die Geister nicht länger?

Wird der Vorwurf erhoben, die Kritik der Geschlechter(rollen)ideologie sei Ideologie, dann impliziert das, dass nicht auf der inhaltlichen Ebene diskutiert wird, nicht darüber, ob die Kritik an (bestimmten) Geschlechterrollen möglich, nötig, (theologisch) inhaltlich richtig, moralisch gut ist oder wie eine solche Kritik praktiziert und ausgerichtet werden kann. Entschieden wird zuallererst: darf überhaupt kritisiert werden? Ob Geschlechterrollen überhaupt kritisiert werden dürfen oder nicht, hängt von der Vorentscheidung ab, die der Vorwurf „gender ideology“ als Einwand gegenüber frauenbewegten Ambitionen repräsentiert.
Nimmt man die Kritik an der Ideologiekritik, diese sei Ideologie, wörtlich, dann trifft man zunächst auf ein absurdum. „Ideologie(kritik)“ wird als Konzept negiert, indem diesem Ideologie vorgeworfen wird. Ist „Ideologie(kritik)“ jedoch ein falsches Konzept, kann man diesem dann Ideologie vorwerfen? Nimmt man die Kritik an der Ideologiekritik dagegen metaphorisch, besteht diese Kritik in der Haltung, die Realität den gebräuchlichen Vorstellungen unterzuordnen, die Beziehungen zur Realität vorzugeben, sie derart geschlossen zu halten. Es handelt sich um eine konservative, oftmals sogar fundamentalistische Haltung. Und es ist dieser Konservatismus, der gegenwärtig nicht nur in kirchlichen Kontexten das Oberwasser bekommt.

Konservatismus, so der Politologe Franz Walter, besteht übrigens nicht darin, dass die Meinungen über bestimmte Inhalte nicht verändert werden könnten [Walter, Franz: Kanzlerin Merkel ist durch und durch konservativ, FR 28.2.2013]. Das erfahren wir in der deutschen Parteipolitiklandschaft gegenwärtig am Beispiel der Veränderungen in den Meinungen von CDU-Entscheidungsträgern zu bestimmten gesellschaftlichen Themen wie der Gleichstellung der homosexuellen Lebensgemeinschaften. Hier kann von heterosexueller auf homosexuelle Ehe umgeschwenkt werden, gerade um konservativ zu verbleiben. Konservatismus benennt nämlich nicht zuerst das Einstehen für eine inhaltliche Idee wie dem Ehepaarideal. Konservativ benennt hingegen das Verhältnis zum Politischen: so wenig wie möglich verändern, im Notfall, dann also, wenn es nicht mehr anders geht, höchstens reparieren wollen, dabei Minimalveränderungen anvisieren. Konservatismus verweigert die Veränderung von Verhältnissen, und stimmt veränderten Realitäten nur dann zu, wenn es nicht anders geht, die Anpassungsleistung ferner nur minimale Veränderungen impliziert, so dass der Charakter „Veränderung“ untergeht.
Andere Verhältnisse anzustreben, das Politische gar als eigenständige Kraft wahrzunehmen, das eine eigene moralische Orientierung verlangt, ist in einer konservativen Haltung gerade nicht im Blick. Denn bei der Entscheidung zum Konservatismus handelt es sich überaus um eine durch und durch moralische Frage, nämlich um die, welche Haltung man gegenüber dem Politischen einnimmt.
Mit der Kritik an der frauenbewegten Ideologiekritik geht es also um die Frage nach der Moral in Bezug auf die Politik. Dabei steht weniger im Vordergrund, wie Politiker moralisch eingestellt sind oder welche Ideen über Moral sie proklamieren, sondern vor allem, welcher Moral die Haltung der Einzelnen gegenüber dem Politischen folgt. Dass es an einer Moral, außerdem an einer Theologie des Politischen, also an einem Diskurs über das Politische in ethischer und theologischer Perspektive fehlt, bestärkt Konservatismus und Fundamentalismus. Fehlt dies, wird der Unsinn der Kritik, Ideologiekritik sei Ideologie, nicht wahrnehmbar.

„Gender“. Oder die Politik der Pluralität der Geschlechterkonzepte

Für eine Denkerin, die ein kritisches Verhältnis zum Konzept „gender“ hat, weil es Geschlechterfragen auf soziologische Einsichten beschränkt und damit zu unterkomplex konzipiert, ist es interessant, dass international ausgerechnet der Terminus „gender ideology“ auftaucht, wenn es um die Abwehr von frauenbewegten Anliegen geht. Ist dies lediglich der Verenglischung der Geschlechterdiskurse zuzuschreiben? Oder hat sich (kirchlicher) Antifeminismus in eine Anti-GenderBewegung verwandelt? Gibt es zwischen beiden Konzepten einen Unterschied, den dieser kirchliche Diskurs über „gender ideology“ andeutet?
Kann man Feministinnen ein fehlgeleitetes Begehren unterstellen, das wieder auf die richtige Bahn gebracht werden muss, so kritisiert man mit „gender ideology“ dagegen die soziale Kategorisierung einer Wissenschaft. Diese Kritik könnte man klug machen, indem man die Reduzierung der Geschlechterverhältnisse auf das Soziale korrigiert. Mit diesem Korrekturwunsch wäre allerdings auch die Diskussion darüber eröffnet, welche Sinngebungsdimensionen für Geschlechterverhältnisse und wie diese angemessen durchzuarbeiten sind. Der Verlockung, mit dem Vorwurf „gender ideology“ Ambitionen für Veränderungen der Geschlechterverhältnisse beherrschen zu können, wäre dadurch wenigstens Grenzen gesetzt. Geschlechterfragen könnten damit nicht länger abgewehrt werden, im Gegenteil, das menschliche Sprechen und Denken müsste derart profiliert werden, dass Menschen Sinn als Sinngebungspraktiken im Zusammenhang mit Sexuellem erfahren könnten.
Die Profilierung von solchen Sinngebungsprozessen übersteigt geradewegs die Dualisierung zwischen „sex“ und „gender“. Jetzt wäre zu fragen: Wie erfahren Menschen entlang des Geschlechtlichen Sinn und Würde? Was tragen das Religiöse (der einzelnen Religionen), wie das Spirituelle dazu bei? Statt Inhalte vorzusetzen, müsste die Dimension dessen diskutiert werden, wie Sinn und Würde der Geschlechterverhältnisse überhaupt erschlossen werden können.
Um sich nun gegen den Vorwurf „gender ideology“ in kirchlichen Diskursen zu wehren, ist es von Vorteil, mehrere Konzepte zur Verfügung zu haben, was den öffentlichen Diskurs über Geschlechterfragen betrifft. Dies ist ferner die Voraussetzung dafür, Differenzierungen, die in maßgeblichen theologischen Texten gemacht werden, wahrnehmen und einsetzen zu können. Liest man zum Beispiel vatikanische Äußerungen zu Geschlechterfragen, kann man feststellen, dass diese gleichzeitig mit verschiedenen Geschlechterbegriffen operieren, um selbst damit Differenzierungsprozesse herauszuschälen, zum Beispiel: „Um jegliche Überlegenheit des einen oder des anderen Geschlechts zu vermeiden, neigt man dazu, ihre Unterschiede zu beseitigen und als bloße Auswirkungen einer historischkulturellen Gegebenheit zu betrachten. Bei dieser Einebnung wird die leibliche Verschiedenheit, Geschlecht genannt, auf ein Minimum reduziert, während die streng kulturelle Dimension, Gender genannt, in höchstem Maß herausgestrichen und für vorrangig gehalten wird. Die Verschleierung der Verschiedenheit oder Dualität der Geschlechter bringt gewaltige Auswirkungen auf verschiedenen Ebenen mit sich.
Diese Anthropologie, die Perspektiven für eine Gleichberechtigung der Frau fördern und sie von jedem biologischen Determinismus befreien wollte, inspiriert in Wirklichkeit Ideologien, die zum Beispiel die Infragestellung der Familie, zu der naturgemäß Eltern, also Vater und Mutter, gehören, die Gleichstellung der Homosexualität mit der Heterosexualität sowie ein neues Modell polymorpher Sexualität fördern.“ [Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls 166. Kongregation für die Glaubenslehre, Schreiben an die Bischöfe der Katholischen Kirche über die Zusammenarbeit von Mann und Frau in der Kirche und in der Welt, hg. v. Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, Bonn 31. Juli 2004, hier: Abs. 2. Auffällig ist, dass gender hier nicht als soziale, sondern als kulturelle Kategorie bezeichnet wird. Mit dieser Gleichsetzung des Kulturellen mit Sozialen wird übergangen, dass das Kulturelle geradewegs das Individuelle, das Verarbeiten und dabei Öffnen darstellt, vgl. Anke Drygala, Andrea Günter: Paradigma Geschlechterdifferenz. Ein philosophisches Lesebuch, Sulzbach/Ts. 2010, 213-233.]
Diese Stelle verdeutlicht nicht nur, aus welchem Diskussionszusammenhang das Konstrukt „gender ideology“ stammt, was hiermit kritisiert werden soll. Sie anerkennt dabei gerade die Anliegen, die Behauptung der Überlegenheit eines Geschlechts außer Kraft zu setzen und die Gleichberechtigung der Frauen zu fördern, eine Anerkennung, die nicht übergangen werden sollte. Zwar hält die zitierte Verlautbarung daran fest, dass dies auf dem „gender“-Weg gescheitert sei. Über diese Behauptung kann man streiten. Aber man kann damit genau darüber streiten, ob diese Konzeptbildung der falsche Weg für Gleichberechtigung ist, ohne dass das genannte Anliegen ad acta gelegt werden muss. Mit solchen Unterscheidungen aber scheinen konservative Kirchenleute, die den Vorwurf „gender ideology“ gegen die berechtigten frauenbewegten Anliegen einzusetzen versuchen, überfordert zu sein: ideologisch, intellektuell. Gerade dafür, Anliegen zu unterstützen, zwischen Anliegen, Begründungen und Wegen unterscheiden zu können, ist es wichtig die Möglichkeit zu haben, gleichzeitig mit verschiedenen Geschlechterkonzepten zu agieren. Diese Möglichkeit hält solche Differenzierungsprozesse offen. Das führt die zitierte vatikanische Verlautbarung in ihrem zweiten Unterabschnitt vor und schließt damit an feministische Diskussionen über die Relevanz unterschiedlicher Geschlechtertheoreme und ihr Zusammenspiel an. [Ob sie das tatsächlich durchhält, ist eine ganz andere Frage, vgl. Andrea Günter: Die logische Versuchung des Vatikans und die Frauenfrage, in: Norbert Sommer, Thomas Seiterich (Hg.): Rolle rückwärts mit Benedikt. Wie ein Papst die Zukunft der Kirche verbaut, Oberursel 2009, 84-95.]
Solche Vervielfachungen der Begrifflichkeiten als theoretisch-politische Praxis zu nutzen, hilft, in einem Ausdifferenzierungsprozess zu bleiben. Dies aber versäumt ein Geschlechterdiskurs, der nur noch eine monokausale Kategorisierung zur Verfügung hat und in der Form einer Größe (Gesellschaft, Kultur) über alles andere stellt. Die Vervielfachung der Begrifflichkeiten hingegen als theoretisch-politische Praxis zu nutzen, hilft, in einem Ausdifferenzierungsprozess und folglich im Dialog zu bleiben. Geschlechterkonzepte bilden nicht einfach Inhalte ab, sie transportieren unterschiedliche theoretische Praktiken, an der sich Dialogizität entscheidet.[Vgl. Drygala, Günter: Paradigma Geschlechterdifferenz, 9-16.]


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