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Dürfen wir tun, was wir können? Optimierung der Körper und die Grenzen der Machbarkeit

Von Ilse Müllner

Das Erste Testament versteht Technik als Teil der Schöpfung. Was ist daraus für die moralische Qualifizierung menschlichen Tuns zu lernen? Zwischen Frankenstein und Blade Runner, zwischen dem Roman von Mary Shelley und dem Film von Regisseur Ridley Scott liegen nicht nur 165 Jahre (1817 bis 1982), sondern auch die Erweiterung des Raums menschlicher Machbarkeit. Die Sphäre dessen, was Menschen herstellen können, dehnt sich immer weiter aus, die Eingriffsmöglichkeiten in natürliche Prozesse werden nachhaltiger, effizienter und dramatischer. Mit den menschlichen Fähigkeiten verändern sich auch die Vorstellungen über das Verhältnis von Gewachsenem und Gemachtem (Jürgen Habermas). Frankensteins Geschöpf bleibt in seiner Gestalt und seinen psychischen wie sozialen Fähigkeiten weit hinter dem Modell zurück. Er ist hässlicher, unkommunikativer, unreifer und gerade in der Kombination seiner Fehlerhaftigkeit mit übermenschlicher Kraft gefährlich. Der Film Blade Runner zeigt von Menschen hergestellte Wesen, die Replikanten, als klüger, effektiver und auch schöner als Menschen. Es fehlt ihnen einzig die Empathie, was sie sogar noch funktionstüchtiger macht. Frankensteins Geschöpf löst das Erschrecken des Unmenschlichen aus, die Replikanten in Blade Runner machen uns schaudern in ihrer Perfektion.

Dürfen wir (noch) tun, was wir können? In vielen Lebensbereichen stellt sich diese Frage heute in großer Ernsthaftigkeit. Wir können tief eingreifen in das Werden und in das Gewordensein von Menschen. Pränatale Diagnostik, Präimplantationsdiagnostik, genetische Veränderungen, aber auch Doping, Botox und Schönheitsoperationen, Medikamente, die uns wach und konzentriert machen: Für uns und unsere Kinder haben wir immer wieder die Entscheidung zu treffen, welche Angebote der Verbesserung von Lebensqualität wir aufgreifen wollen. Oft haben wir eine intuitive Ahnung davon, wo unsere persönliche Grenze überschritten ist. Es ist wichtig, diese Ahnung zu pflegen, ihr zu lauschen und sie danach zu befragen, welchen Weg sie uns weisen will. Sowohl für Einzelfallentscheidungen als erst recht für ethische und juristische Diskurse reicht aber eine solche Ahnung nicht aus, sie kann nicht als allgemein verbindliche Richtschnur gelten. Und da lohnt es sich, das Gespür mit Fakten und mit Argumenten zu konfrontieren. Was geschieht medizinisch wirklich im Rahmen diagnostischer Verfahren während der Schwangerschaft? Welche Diagnosen können überhaupt gestellt werden und was lässt sich damit anfangen? Geht es um Heilung, um Vorbereitung auf die Geburt und eventuell das Leben mit einem kranken oder behinderten Kind? Oder geht es um Selektion? Ähnlich prekär sind die Fragen, die im Kontext der sogenannten Enhancement-Debatte gestellt werden. Dabei geht es um medizinische Interventionen, die nicht der Wiederherstellung von Gesundheit, sondern der Verbesserung von Fähigkeiten oder Leistungen dienen. Weder das Ziel noch die Mittel können hier pauschal verurteilt werden. Denn das Ziel – Verbesserung bestimmter Fähigkeiten oder Eigenschaften – versuchen wir mit alltäglichen Mitteln zu erreichen. Wo liegt der Unterschied zwischen dem Yoga-Kurs und der Entspannungspille? Oder zwischen der Tasse Kaffee und dem Aufputschmittel? Eine einfache Richtschnur, wie es die Berufung auf den natürlichen Prozess zu sein scheint, kann es nicht mehr geben und hat es vielleicht nie gegeben, seit Menschen Natur kultivieren. Psalm 104, ein Schöpfungspsalm, irritiert mich immer wieder damit, wie er das von Menschen Gemachte in das von Gott erschaffene integriert. Im Lob der Werke Gottes wird das Meer genannt und auf dem Meer gleich neben dem Leviatan die Schiffe, Menschenwerk neben mythischem Urtier. Beide sind bezogen auf Gott in Erschaffen-Sein und Erhalten-Werden. Auch vom Brot ist die Rede und von der Arbeit des Menschen. Sie stehen in einer Reihe mit den Winden und Feuern, mit den Bergen und Tälern, mit Sonne, Mond und jungen Löwen. Keine strukturelle Grenze scheidet das Gewachsene vom Gemachten, beide gehören zum Erschaffenen und sind darin verwiesen auf Gott. In den hoch komplexen Entscheidungen, die die gewachsenen Möglichkeiten des Menschen von uns verlangen, könnte das ein Maßstab sein: Inwieweit lässt sich das Gemachte rückbinden an das göttliche Gehaltensein, das der ganzen Schöpfung gilt? Darin hat der Wunsch nach Gesundheit und Glück Platz, nicht aber der nach Perfektion und Fehlerlosigkeit. „Sie alle warten auf dich, dass du ihnen Speise gibst zur rechten Zeit.“ (Ps 104,27) In allem, was wir tun, muss Raum bleiben für das Wirken Gottes. In allem, was wir tun, um dem Glück näher zu kommen, was wir zu Recht tun, um das Leiden von Menschen auf ein Mindestmaß zu reduzieren, muss Platz sein für Fehler, für Schwäche, für Krankheit und Tod. Da geht es nicht um Fatalismus und nicht um die Verweigerung von Hilfe. Wie weit Menschen gehen in ihrem Wunsch danach, den Normen der Gesellschaft zu entsprechen, das wird auch individuell verschieden sein, und diese Verschiedenheit ist zu respektieren. Gesellschaftlich aber haben wir zwei Aufgaben. Erstens müssen wir auch juristisch Grenzen ziehen, wenn Verfahren zur Verbesserung von Lebensbedingungen in Verletzung umschlagen. Und zweitens müssen wir uns an der Verwirklichung einer Welt beteiligen, in der die Vielfalt menschlichen Lebens kultiviert, in der Alte, Kranke, Behinderte willkommen geheißen und mit ihren je besonderen Beiträgen zu unserem Zusammenleben gewürdigt werden.

(Dieser Text ist erscheinen in: Bibel und Kirche 67 (2012) 1, S. 46/47.)


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