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glocke

Von Naime Çakır, Ute E. Eisen und Hildegund Keul

Europa ist gegenwärtig von heftigen Migrationsbewegungen gekennzeichnet. Millionen Menschen versuchen, Gewalt und Krieg, Armut und drohender Verelendung zu entkommen. Sie verlassen ihre Heimat und drängen an den äußeren und inneren Grenzen Europas auf Asyl und Einwanderung. Im Jahr 2015 kamen etwa eine Million Flüchtende in Deutschland an, zahlreiche weitere hoffen nach wie vor auf die Chance, in Europa ein Leben in Frieden führen zu können. Gleichzeitig hat der Terror, der von militanten islamistischen Gruppen ausgeht und neben Krieg, politischer Verfolgung sowie Armut eine der Fluchtursachen darstellt, Europa erreicht. Die mehrfachen Terroranschläge 2015 und 2016 allein in Frankreich sind Beispiele dafür. Das weckt in Europa Ängste vor Flüchtenden muslimischen Glaubens. Mehrheitlich wird als Antwort eine Politik der Abschottung gewählt. Mitgliedsstaaten der EU stellen sich taub gegenüber der Forderung nach einer Aufnahme und gerechten Verteilung von Asylsuchenden. Auch sind sie nicht bereit, verstärkt in die Bekämpfung von Fluchtursachen zu investieren. Stattdessen werden nationalstaatliche Gesinnungen forciert und Grenzzäune gezogen. Vielerorts gewinnt Fremden- und Islamfeindlichkeit gewaltsam Ausdruck, auch in Form von Übergriffen auf Flüchtlingsunterkünfte, in 2015 allein 528 und davon 126 Brandanschläge (https://www.proasyl.de/news/2015-dramatischer-anstieg-von-gewalt-gegen-fluechtlinge/).

Aber Globalisierung und Migration sind mit den damit verbundenen Chancen und Risiken wesentliche Zeichen unserer Zeit. Und längst sind die Debatten um Migration und Flucht, Vulnerabilität und Sicherheit religionspolitisch bestimmt, so dass auch die christlichen Theologien aufgefordert sind, Position zu beziehen. In der aufgeheizten aktuellen Situation ist die Intensivierung des interreligiösen Diskurses für Theologie und Gesellschaft wichtiger denn je. Christliche, jüdische und islamische Theologien sehen sich in der Pflicht, sich mit den Gewaltpotentialen in den eigenen religiösen Traditionen kritisch auseinanderzusetzen und ihre friedensstiftenden Ressourcen in die Gesellschaft einzubringen.

Der christlich-jüdische Diskurs hat sich seit der Nachkriegszeit etabliert und zu einer tragfähigen Vernetzung in Forschung und Lehre geführt, die es weiter auszubauen gilt. Die Gründung der fünf wissenschaftlichen Zentren für Islamische Theologie seit 2010 an den Universitäten Erlangen- Nürnberg, Frankfurt/Gießen, Münster, Osnabrück und Tübingen sorgt seitdem für eine wissenschaftliche Institutionalisierung und bessere Wahrnehmung Islamischer Theologie in Deutschland. Andere Institutionen sind etwa die Akademie der Weltreligionen der Universität Hamburg. Sie fördern die Integration Islamischer Theologie, des Judentums, des Buddhismus u.a. Weltreligionen in die Wissenschaftsdiskurse Deutschlands und Europas.

An diese positiven Entwicklungen knüpft die European Society of Women in Theological Research (ESWTR), der größte internationale Verband von Wissenschaftlerinnen, die im Bereich der christlichen, jüdischen, muslimischen Theologien, der Judaistik, Islamwissenschaft, Indologie und anderen Religionsstudien sowie der allgemeinen Religionswissenschaft forschend tätig sind. Die Gesellschaft wurde 1986 gegründet, um Wissenschaftlerinnen in den von Männern dominierten Theologien ein Netzwerk zu schaffen, das Frauen- und Genderforschung unterstützt und zugleich darauf abzielte, den Anteil von qualifizierten Frauen an den Universitäten zu steigern. Die ESWTR in

Deutschland fasste im Sommer 2015 auf Kreta folgenden Beschluss:

„Die ESWTR/D verpflichtet sich, orientiert an den Gründungsmaximen der ESWTR, ihre interreligiöse Ausrichtung voranzutreiben. Gezielte Schritte sind: Möglichst paritätisch ausgerichtete nationale Tagungen; das Anliegen in die Fachgruppen hineinzutragen; die Aufnahme entsprechender Informationen in Rundmail und Website; das Engagement, Theologinnen verschiedener Religionen persönlich anzusprechen und zur ESWTR-Mitgliedschaft einzuladen.“

(Beschluss der deutschen Sektion der ESWTR auf der Internationalen Tagung „Sharing the World and Sharing the Word“, 17.–21. August 2015 in der Orthodoxen Akademie auf Kreta)

Mit dieser Erklärung verpflichten sich Vorstand und Beirat ebenso wie die einzelnen Mitglieder der deutschen Sektion der ESWTR, die schon seit ihrer Gründung avisierte interreligiöse Ausrichtung zu intensivieren. In den letzten Jahrzehnten waren mehrheitlich christliche Theologinnen in der ESWTR aktiv, in Zukunft soll nun verstärkt um Vertreterinnen nichtchristlicher Religionen geworben werden. Der interreligiöse Diskurs soll Gegenstand der Tagungen sowie der kontinuierlichen Arbeit der Fachgruppen werden und sich in der Zusammensetzung und Arbeit von Vorstand und Beirat zeigen.

Bereits 2014 praktizierte die nationale ESWTR-Tagung in Kooperation mit der Arbeitsstelle Feministische Theologie und Genderforschung der Universität Münster den christlich-muslimischen Dialog. Mit dem Thema „Verwundbarkeit: natürlich, göttlich, gefährlich. Christliche und muslimische Perspektiven zum Vulnerabilitätsdiskurs“ setzten wir ein innovatives Forschungsthema, nämlich die Verortung der Theologien in jenem Vulnerabilitätsdiskurs, der sich gerade interdisziplinär zu etablieren beginnt. Damit betrat die ESWTR Neuland mit dem Ziel, christliche und muslimische Ressourcen in die prekären Problemlagen sozialer, politischer und nicht zuletzt religiöser Verwundbarkeiten einzubringen. – Aus dieser Fachtagung erwuchs ein dokumentierter Dialog zwischen einer christlichen Theologin und einer Islamwissenschaftlerin, welcher in der „Herder- Korrespondenz“ veröffentlicht wurde (Heft 12/2015, 39-43 und Heft 6/2016, 39f).

Auf der kommenden nationalen ESWTR-Tagung, die vom 4.-6. November 2016 im Tagungshaus der Justus-Liebig-Universität Gießen stattfindet, knüpfen wir an den begonnenen Dialog mit einer Fachtagung an, die paritätisch interreligiös ausgerichtet ist. Sie steht unter dem Thema: Schrift im Streit – Jüdische, christliche und muslimische Perspektiven. Es ist ein drängendes Anliegen des interreligiösen Diskurses, den Streit um die heiligen Schriften wissenschaftlich und auf Augenhöhe miteinander zu führen und religiös begründete Formen von Unterdrückung und Gewalt kritisch zu reflektieren. Die heiligen Schriften Tanach, Bibel und Koran werden bis heute als Waffe im Kampf der Kulturen und Religionen unter- und gegeneinander eingesetzt. Trennlinien verlaufen dabei – anders als vielfach wahrgenommen – nicht nur zwischen, sondern auch innerhalb der Religionen. Analog dazu verhält es sich mit den Verbindungslinien, wofür der Genderdiskurs nur ein Beispiel ist, der Wissenschaftlerinnen des Judentums, des Christentums und des Islams in Kontakt bringt und vereint. Im Zusammenschluss von Wissenschaftlerinnen, die sich gegen Fundamentalismen in den eigenen Reihen stellen, suchen und entwickeln wir gemeinsam Auswege aus den vermeintlichen Sackgassen unserer Zeit.

Zur Arbeit der ESWTR vgl. http://www.eswtr.org/de/home.html.


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