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Ein Interview mit Gertraud Ladner über ihre Erfahrungen zur Vorbereitung der außerordentlichen Bischofssynode für Familie und Evangelisierung.

Gertraud Ladner hatte im November im ESWTR-mailing Frauen gesucht, die den Fragebogen zur Vorbereitung der Außerordentlichen Bischofssynode zu Familie und Evangelisierung im Herbst 2014 kommentieren. Wir befragen sie zu ihren Erfahrungen.

1. Liebe Gertraud, am 27.11.13 hattest du im ESWTR-mailing einen Aufruf gestartet, zum Fragebogen des Vatikans zur Bischofssynode über Familie und Evangelisierung Stellung zu nehmen? Welche Erfahrungen hast du mit deinem Aufruf gemacht?

Zunächst muss ich vielleicht sagen, dass ich ganz eigennützig an Stellungnahmen anderer Theologinnen zum Fragebogen interessiert war. In der Frauenkommission der Diözese Innsbruck und in der Plattform diözesaner Frauenkommissionen Österreichs planten wir, uns mit dem Fragebogen zu befassen, und ich erwartete mir einige erweiternde Perspektiven, mit denen ich in die Vorbereitung der internen Beratungen und anschließend in die Beratungsgespräche mit unserem Bischof und dem diözesanen Konsistorium gehen könnte. Gleich nach dem Aufruf habe ich mehrere zustimmende Emails erhalten, in denen die Absenderinnen diesen Aufruf und die Wichtigkeit einer öffentlichen feministischtheologischen Stellungnahme zum vatikanischen Fragebogen begrüßten. Einige waren auch an den Antworten, die einlangen sollten, interessiert. Allein: Es kam dann weiter nichts direkt von Kolleginnen. Was schließlich kam, waren verschiedene Stellungnahmen, bei denen Kolleginnen mitgewirkt hatten: die „Antworten von 20 Professorinnen und Professoren für Moral und Pastoraltheologie“ und das „Theologische(s) Gutachten zum Vorbereitungsdokument der außerordentlichen Bischofssynode 2014“ der Katholisch-Theologischen Fakultät Wien. In den monatlich erscheinenden Newslettern „The First“ der weltweiten Vereinigung katholischer theologischer EthikerInnen Catholic Theological Ethics in the World Church nahmen im Dezember 2013 und Jänner 2014 mehrere AutorInnen zum Fragebogen und zum Thema Familie Stellung.[Link zu Newsletter Jänner 2014 derzeit nicht verfügbar]

2. Wie sieht Deine eigene Meinung zum Thema Kirche(n) und Familie aus?

Eine gründliche Antwort darauf würde Bücher füllen – und das ist vielleicht auch der Grund, warum ich so direkt keine Antworten auf meine Rundmail erhalten habe. Ich selbst sehe das Verhältnis Kirche(n) – Familien ambivalent. Zum Einen bieten Kirchen Familien Lebensraum und begleiten sie durch Rituale, durch beratende und unterstützende Einrichtungen und Vereinigungen im ganz konkreten praktischen Leben vor Ort. Andererseits sind diese Angebote für viele nicht zugänglich aufgrund eines idealisierten und verengten Familienbildes der Kirchen, bestehend aus einem verheirateten Ehepaar (Vater und Mutter) mit ihren (leiblichen) Kindern, die in Harmonie und gläubig zusammen leben. Beinahe jede und jeder hat da in irgendeiner Phase des persönlichen Lebens nicht mehr in diesem Bild Platz. Vielfach wächst die Distanz zu Kirche allein dann schon, wenn es zu den in jeder Beziehung, Ehe oder Familie normalen Konflikten kommt. Es braucht eine Weitung des Familienbildes hin zu einer Vielfalt von Familienbildern, die den realen Situationen von Menschen näher sind – und dies nicht nur für uns in Westeuropa, sondern in weltweiter Perspektive. Zudem müssen Probleme von Familien und in Familien so angesprochen werden, dass Wertschätzung für die mit diesen Problemen konfrontierten und kämpfenden Menschen zum Ausdruck kommt. Gewalt und Gewaltprävention muss mehr als bisher Thema werden; eine achtsame, lustvolle Sexualethik; geschlechterspezifische Fragestellungen in der Familie wie die gerechte Aufteilung von Erziehungs- und Pflegearbeit … Die Liste ist schier endlos und individualethische Aspekte sind eng mit sozialethischen Fragestellungen
verknüpft. …

3. Stimmt die Aussage mit Deiner Erfahrung als Redakteurin des
Frauenkirchenkalenders überein, dass sich nur wenige Theologinnen
öffentlich zu aktuellen Themen äußern? Wenn ja, hast du Ideen dazu, woran das liegen könnte?

Beim FrauenKirchenKalender handelt es sich um ganz andere Textgattungen als bei einer Stellungnahme zu einem vatikanischen Fragebogen oder zu einer sonstigen lehramtlichen Aussage. Insofern finde ich die beiden Dinge nicht miteinander vergleichbar. Beim Kalender stelle ich fest, dass Theologinnen gerne Beiträge liefern, wenn es sich zeitlich machen lässt, sie es spannend finden, ihnen das Thema vertraut ist, oder ihre Botschaft gehört wird. Die feststellbare Zurückhaltung, sich zu aktuellen öffentlichen Themen zu äußern, kann mehrere Gründe haben. Wohl macht sich einmal ein allgemeines Übel unserer Zeit bemerkbar: Viele sind durch Mehrfachbelastungen überlastet. Familie oder Beziehungsleben und Berufsarbeit zerren sehr an Theologinnen, wie an vielen Frauen. Da wächst die Zurückhaltung – freiwillige und unentgeltliche Engagements betreffend – insbesondere, wenn diese mit einem gewissen Zeitdruck verbunden sind und der Erfolg als gering vermutet werden muss. Diese Zurückhaltung gegenüber ehrenamtlicher Zusatzarbeit sehe ich durchaus positiv. Es mag auch die Erfahrung mitschwingen, dass feministisch-theologische Äußerungen verstärkten Rechtfertigungsbedarf haben. Während Äußerungen von männlichen Kollegen als kritische Äußerungen gesellschaftlich gerade noch toleriert werden, rufen feministisch-theologische Widerstand hervor. Bei jedem Thema schwingt die Frage mit, wieso sich Theologinnen engagieren, insbesondere in der römisch-katholischen Kirche, die doch offensichtlich Geschlechterungerechtigkeit praktiziert. Diese Frage ist bei jedem Thema eine ermüdend mitgefragte. Sie verstellt bisweilen das aktuell bearbeitete Thema und lässt die Willigkeit zu öffentlichen (medialen) Äußerungen sinken. Viele Theologinnen setzen auf langfristiges Engagement in einzelnen Institutionen und Berufsfeldern. Dies braucht hartnäckige Kleinarbeit mit langem Atem. Tagesaktuelles Engagement ist zeitintensiv und verläuft in anderen Arbeitsrhythmen.

4. Die feministische Theologie hat von Anfang an die „Orthopraxie“ zu ihrem Anliegen gemacht, also die theologische Deutung der Praxis und die Deutung der Theologie durch die Praxis. Wie schätzt Du dieses Anliegen heute ein? Welchen Stellenwert hat es? Lassen sich daraus Aussagen zur aktuellen feministischen Theologie folgern?

Feministische Theologie ist ja grundsätzlich eine ökumenische Theologie und Orthopraxie ist ein bleibendes Anliegen an unterschiedlichen Orten und in den einzelnen Kirchen. Ich sehe sie an vielen Orten praktiziert: in Gemeinden, bei Theolog_innentreffen, Frauenliturgien, auf Kongressen, in Frauenkommissionen, Bibelgruppen, interreligiösen Zusammenkünften,… Es gibt da eine Vielstimmigkeit unterschiedlicher Ansätze auf unterschiedlichen Ebenen der Kirchen und der theologischen und religionswissenschaftlichen Auseinandersetzung. Der Austausch untereinander könnte trotzdem intensiver sein. Mir geht ein Forum ab, wie es die Frauensynodenbewegung einmal war – mit einem offenen Zugang für alle religiös und feministisch interessierten Frauen. Ein Zuwenig an Orthopraxie und an feministischer Theologie sehe ich in den Leitungsebenen der Kirchen, zuallererst meiner eigenen, auch wenn unterschiedlich je nach Kirche und ihrem Gender-Zugang schon einiges bewegt wurde. Orthopraxie ist verbunden mit dem Kampf darum, als Theologin qualifiziert arbeiten zu dürfen. Dies ist keineswegs selbstverständlich. Sie ist auch verbunden mit Vernetzungsarbeit und Austauschräumen unter Frauen und unter Theologinnen, geknüpft an gemeinsame Räume von „Basisfrauen“ und von Theologinnen. Diese Vernetzungsarbeit ist ein integraler Bestandteil der wissenschaftlichen und praktischen Arbeit, die Orthopraxie sein möchte. Dies stößt an Grenzen des beruflich Üblichen, Möglichen oder Machbaren an Zeit, an Ressourcen, an konkreten Anforderungen z.B. im wissenschaftlichen Bereich, wo ein zunehmender Qualifizierungs- und Publikationsdruck herrscht. Aktuelle feministische Theologie ist vielstimmig. In dem Sinne sehe ich unterschiedliche Suchbewegungen von Orthopraxie in sehr konkreten Kontexten, die ja zumeist auch öffentlich sind. Diese konkreten Kontexte sind Teilöffentlichkeiten, die von der medialen und gesellschaftlichen Aufmerksamkeit wenig wahrgenommen werden: Frauenöffentlichkeit, Wissenschaftsöffentlichkeit, Kirchen- und Pfarröffentlicheit u.a.

Kramsach, am 17. März 2014


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