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Wissenschaft im Ehrenamt

Von Andrea Günter und Silke Petersen

Ein freies Verständnis von geistiger Arbeit entwickeln, deren Identifizierung mit universitärem Arbeiten aufbrechen: Was wir mal wollten, was noch werden kann, die politische Seite der ESWTR.

Ausgerechnet in einer Zeit, in der es überdurchschnittlich viele hochqualifizierte Theologinnen gibt, wird es immer schwieriger, angemessene Stellen im universitären oder außeruniversitären Forschungsbereich zu bekommen. Wissenschaftlerinnen der ESWTR unternahmen 2006 und 2007 verschiedenen Initiativen, um sich zu vernetzen. Sie wollen diese Situation nicht weiterhin als Einzelne bewältigen müssen. Die andere Seite hierzu ist, das Verständnis der geistigen und intellektuellen Arbeit zu überprüfen.

Bei der Tagung der Deutschen Sektion am 18.11.2006 in Gelnhausen starteten Silke Petersen und Gerlinde Baumann eine Diskussion in Form einer Minilecture. Etwa dreißig Frauen interessierten sich dafür.
Gefragt war eine erste strukturelle Analyse. „Wissenschaft im Ehrenamt“ war damals der Titel, das meinte Frauen, die unentgeltlich forschen und veröffentlichen. Es handelt sich um Frauen mit festen Stellen, die dies in ihrer Freizeit tun, aber auch um Privatdozentinnen, die z.T. nicht einmal ihre Lehrveranstaltungen vergütet bekommen, ganz zu schweigen von ihrer Forschungs- und Veröffentlichungsarbeit.
Während die Arbeitgeber im ersten Fall wenig Interesse an dieser Nebentätigkeit haben, weil sie Engagement absorbiert, haben die Hochschulen ein starkes Interesse an diesen Tätigkeiten. Sie decken einen großen Teil der Lehre mit der unbezahlten Arbeit von PrivatdozentInnen ab und bekommen Forschungsarbeiten oftmals zu Themenfeldern, die interessant und gesellschaftsrelevant, weniger aber karriereförderlich sind.
Wenig öffentlich ist, warum viele Frauen und Männer auf diese Weise arbeiten. Wer beauftragt sie? Wer autorisiert sie zu und in diesem „Amt“?
Aber auch ein historisches Aufarbeiten fehlt. In welchen Situationen befinden sich „Intellektuelle“ (z.B. im Unterschied zu akademisch Arbeitenden)? Wie werden diese gesellschaftlich goutiert?
Wie kann ein freies Verständnis von geistiger Arbeit (zurück)gewonnen, ihre Identifizierung mit universitärem Arbeiten aufgebrochen, wie können neue Selbstbilder und Organisationsweisen entwickelt werden?
Feministische Theologie organisiert sich immer wieder neu: Frauenreferate im Rahmen der kirchlichen Arbeit, Fernstudium, Café teológico, Frauenmahl: Welche Initiativen gibt es? Wie können sie zu neuen Schnittstellen werden?

Die Situation der „Wissenschaft(lerinnen) im Ehrenamt“ ist wenig erforscht. Möglichkeiten der Selbstorganisation sind kaum entwickelt.

Eine der Folgen der Minilecture war der Kurs „Hochqualifiziert und ohne Stelle. Lebens- und Berufsplanung von Wissenschaftlerinnen“, den Gisela Matthiae im März 2007 am Frauenstudien- und -bildungszentrum der EKD organisierte (sie hatte ihn nicht selbst durchgeführt).

Der Workshop wurde bewusst für Geisteswissenschaftlerinnen ausgeschrieben, da die Situation generell auf Frauen in diesen Wissenschaften und mit feministischer Ausrichtung zutrifft. Unter den Teilnehmerinnen waren fünf Theologinnen, vier davon Privatdozentinnen, eine kurz vor der Habilitation. Die anderen vier Wissenschaftlerinnen waren eine Sinologin, eine Anglistin, eine Soziologin und eine historische Kulturwissenschaftlerin. Alle waren promoviert. Die wenigsten hatten zu der Zeit eine Stelle, einige jedoch eine befristete.

Margarethe Hubrath bot Bausteine zur Auseinandersetzung mit der eigenen Berufsund Lebensplanung an. Außerdem stellte sie verschiedene Modelle zur Forschung auch im nicht-universitären Bereich bzw. an Privatuniversitäten vor, um so das Spektrum an Handlungsmöglichkeiten zu erweitern. Für eine intensive persönliche Auseinandersetzung oder gar für ein Einzelcoaching war die Zeit allerdings zu knapp.

Christine Raedler berichtete am Samstagabend sehr erfrischend und teilweise auch ernüchternd über ihre berufliche Situation zwischen zeitlich befristeten Forschungsprojekten und verschiedenen Auftragsarbeiten in der Fortbildung, als Reiseleiterin oder als Beraterin von ZDF-Sendungen. Ihr Beispiel zeigte die enorme Spannung zwischen herausragender wissenschaftlicher Anerkennung und der ständigen Bedrohung, den Lebensunterhalt nicht mehr verdienen zu können. Trotzdem machte ihr Beispiel auch Mut, Forschung nicht nur im universitären Bereich
zu suchen.

Der Sonntagvormittag führte von der persönlichen zur politischen
Auseinandersetzung. Allen Anwesenden war es ein Anliegen, ihre Situation öffentlich zu machen und dazu Schritte zu überlegen. Vor allem sollte damit dem üblichen Tenor der meisten coachings etwas entgegen gesetzt werden, die davon ausgehen, dass „gute“ Leute, die von sich überzeugt sind, schon eine passende Stelle finden werden.

Zu folgenden Themen wurde gearbeitet:
– Projekte bilden: Diejenigen, die ihren Lebensunterhalt anderweitig verdienen, haben den Anspruch, wenigstens bei ihrer Forschung selbstbestimmt und lustbetont zu arbeiten. Es wurden erste Gespräche in der Gruppe über mögliche interdisziplinäre Forschungsprojekte geführt.
– Berufsverbände und ihre Absprachen: Um die jeweilige Arbeit zu schützen, wäre es wichtig, ähnlich wie Berufsverbänden oder Gewerkschaften Honorare abzusprechen und die Qualität der Arbeit zu sichern.
– Institute gründen: Wenn Forschung nicht an bestehenden Instituten gelingt, müssen neue gegründet werden.

Impulse:
– Es gibt bereits die Idee, ein bundesweit agierendes feministischtheologisches An-Institut zu gründen. Einige TNI wollen sich baldmöglichst treffen, um darüber weiter zu beraten. Als Referentin kommt Dr. Gerrit Kaschuba aus Tübingen in Frage, die selbst als Soziologin ein Institut erfolgreich gegründet hat und leitet.
– Eine Zeitschrift soll gegründet werden! Titel: „Avangarde“. Das FSBZ soll 2008 zu einer Veranstaltung einladen, die eine Art Gründungstreffen werden könnte. Die TNI sind hochmotiviert für dieses Projekt.
– Für die Theologinnen bietet die ESWTR die Plattform, in der die
Ergebnisse weiter behandelt werden können und sollen. Bereits bei der internationalen Konferenz im August in Neapel und dann 2008 in Hofgeismar soll sich die ESWTR diese Problematik zu Eigen machen.
– Es soll Kontakt zu den Unilehrstühlen im Bereich Gender Studies
aufgenommen werden, um eventuell Kooperationen in die Wege zu leiten.

Insgesamt führte die Veranstaltung zu einer Selbstvergewisserung und Stärkung als Wissenschaftlerin und heraus aus dem Gefühl der Vereinzelung. Jetzt geht es darum, die Vorhaben umzusetzen. – Im Rückblick lässt sich inzwischen sagen, dass dies nur begrenzt geschehen ist. Es scheint, dass die „ehrenamtliche“ Arbeit so viel Zeit und Energie absorbiert, dass es schwer fällt, noch Zeit und Energie in die Reflexion dieser Arbeit zu investieren.

Fragen, Impulse zu diesen vor 6 Jahren in Gang gekommenen Initiativen von Seiten der Redaktion:
– Hängen wir mit unserem Bild von wissenschaftlichem Arbeiten nicht einem klassischen Universitätsideal an, das besagt: Ganze Stelle, 4-9 Stunden Lehre im Semester und im Übrigen Zeit für Forschung? Das gab es doch nur selten, auch Kant hatte niemals weniger als 16, gelegentlich bis zu 24 Stunden Lehre und wurde Jahre lang nach der Zahl seiner Hörer vergütet: wenig Hörer, wenig Geld.
– Wenig öffentlich ist, wie viele Frauen und Männer auf diese Weise arbeiten und warum sie dies tun. Wer beauftragt sie? Wer autorisiert sie zu und in diesem „Amt“? Aber auch ein historisches Aufarbeiten fehlt. In welchen Situationen befinden sich „freie Intellektuelle“ (z.B. im Unterschied zu akademisch Arbeitenden mit einer festen Anstellung)?
– Was sind die Vorteile und was die Nachteile einer „ehrenamtlichen“ bzw. der „bezahlten“ Forschung – für die Betreffenden selbst sowie für die Institutionen, an deren Rändern oder in denen sich die Forschenden aufhalten? Wir erleben zum Beispiel, dass die Arbeitszeit der hauptamtlichen Professoren gar nicht in Forschung geht, sondern in die Organisation der immer neuen Strukturen. Dies dient auch dazu, das Überleben der (nicht nur theologischen) Fakultät/Hochschulen zu sichern. Ist die Ökonomisierung der Hochschulen ein Zeichen dessen, dass sie geistig abgewirtschaftet haben?
– Sind die Hochschulen wirklich zu einer Kulturentwicklung bereit, wenn es um neue Lehrformen und um Interdisziplinarität geht? Dienen die neuen Abteilungen wie Institute für Hochschuldidaktik dazu, Gegengewichte zu schaffen oder sollen sie die Schwächen der Ordinarien-Universität kompensieren, die im selben Atemzug errichtet wird?
– Welche Haltungen und welche neuen Formate entwickeln diejenigen, die in dieser Situation Hochschulstellen innehaben?

Wir laden alle ein, sich dazu zu äußern.


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