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Laudation zur Verleihung des Siegele-Wenschkewitz- Preises 2013 an das Buchprojekt „Stefanie Schäfer-Bossert/Elisabeth Hartlieb (Hg.): Feministische Theologie – Politische Theologie. Entwicklungen und Perspektiven“

Von Gury Schneider-Ludorff

Dass feministische Theologie sich immer als politisch verstanden hat, hat Tradition. Die Verleihung des Siegele-Wenschkewitz- Preises 2013 bietet ein Anlass, an die Vordenkerinnen zu erinnern.
Am 10. November 2013 hielt Gury Schneider-Ludorff die Laudatio zur Verleihung des Siegele-Wenschkewitz- Preises an das wissenschaftliche Buchprojekt „Feministische Theologie – Politische Theologie. Entwicklungen und Perspektiven“, das Stefanie Schäfer-Bossert und Elisabeth Hartlieb herausgegeben haben.

„Feministische Theologie – Politische Theologie. Entwicklungen und Perspektiven“ so haben Sie, liebe Preisträgerinnen, den Sammelband genannt, für den Sie heute den Siegele-Wenschkewitz-Preis verliehen bekommen. Und es ist nicht nur eine interessante Koinzidenz, dass sich die von Ihnen gewählte Thematik in das vor einigen Tagen eingeläutete Themenjahr der Evangelischen Kirche in Deutschland „Reformation und Politik“ geradezu sinnfällig einfügt, sondern auch, dass damit eine genuine Thematik derjenigen Person aufgegriffen ist, nach der der Preis benannt wurde: der Kirchenhistorikerin Professorin Dr. Leonore Siegele-Wenschkewitz (1944-1999).
Als eine der Theologinnen, die dreißig Jahre lang die Debatten um die Rolle der Feministischen Theologie in Kirche und Gesellschaft maßgeblich mitbestimmt hat, als Wissenschaftlerin, als Studienleiterin und Direktorin an der Evangelischen Akademie Arnoldshain, war es stets das Anliegen von Leonore
Siegele-Wenschkewitz, die politische Dimension und den gesellschaftskritischen und gesellschaftsverändernden Impuls feministischtheologischer Ansätze herauszustellen.
Dass sich die Feministische Theologie stets als eine politische verstanden hat, ist auch die Überzeugung der Initiatorinnen dieses Projektes, das nun als Buch vorliegt. Im November 2008 hatte die deutsche Sektion der Europäischen Gesellschaft für Theologische Forschung von Frauen (ESWTR) beschlossen, sich eingehender mit dieser Thematik zu befassen: zum einen Rückschau zu halten über 40 Jahre Feministischer Theologie und zum anderen Perspektiven zu entwickeln für zukünftiges politisches Engagement.
Daraus ist ein Forschungsprojekt geworden, über das Sie, liebe Preisträgerinnen, sich im Jahr 2010 auf einer Tagung in Hofgeismar in Kooperation mit dem Frauenstudien- und Bildungszentrum in der EKD ausgetauscht haben und aus dem dann diese instruktive Publikation erwachsen
ist.
Es geht den Autorinnen um die „Verhältnisbestimmung von Feministischer und Politischer Theologie, die Sichtung von Wechselwirkungen und Entwicklungen, die Aufnahmen der Debatte um die Relevanz der Gendertheologie und die Darstellung aktueller Themen, die als politisch und theologisch relevant auf die Agenda gesetzt werden sollen“ (S. 10).
Sie stellen sich damit in eine prominente Tradition: Im Oktober 1970 hatte Dorothee Sölle vor dem „Theologischen Arbeitskreis Alter Marburger“ einen Vortrag gehalten, den sie später unter dem Titel: „Politische Theologie. Auseinandersetzungen mit Rudolf Bultmann“ veröffentlichte. Und Sie, liebe Preisträgerinnen, haben das Thema der Verhältnisbestimmung von Theologie und Politik in Bezug auf die Feministische Theologie wieder in Erinnerung
gerufen. Ein Thema, das also am Beginn des Weges feministisch-theologischer Ansätze stand.
So nimmt Marie Theres Wacker in ihrem grundlegenden Artikel „Vom politischen Nachtgebeten, gefährlichen Erinnerungen und notwendiger LeidEmpfindlichkeit. Genealogien und Perspektiven für eine politischere Theologie der Geschlechter“ (S. 23-42) eine Ortsbestimmung und eine Neubestimmung des Begriffs der „Politischen Theologie“ vor. Sie weist darauf hin, dass es Dorothee Sölle war, die in den 1970er Jahren einen neuen Ansatz „Politischer Theologie“ formulierte. Ganz im Wissen darum, dass der Begriff der „Politischen Theologie“ nicht unproblematisch war, da der Staatsrechtler Carl Schmitt ihn im „Dritten Reich“ dezidiert im Sinne einer politischen Vereinnahmung theologischer Inhalte, bzw. einer theologischen Überhöhung der Politik in die öffentliche Debatte gebracht hatte.
In Anlehnung an den Münsteraner katholischen Fundamentaltheologen Johann Baptist Metz entwickelte Dorothee Sölle nun einen eigenen Ansatz: „Politische Theologie“ ist für sie die „theologische Hermeneutik, die in Abgrenzung zu einer ontologischen oder einer existenzial interpretierten Theologie einen Interpretationshorizont offenhält, in dem Politik als der umfassende und entscheidende Raum, in dem die christliche Wahrheit zur Praxis werden soll, verstanden wird.“ (S. 26) Es geht um das „Praktischwerden der Wahrheit“ und
um die „politische Dimension der Theologie als Ganzer“, im Blick auf die ökonomischen Strukturen, die machtpolitischen Interessen in der Gesellschaft und eine dezidierte Parteilichkeit für die Benachteiligten.
In diesem Sinne beleuchten die 15 Beiträge kritisch die theologischen, gesellschaftlichen aber auch feministisch-theologischen Traditionen und nehmen geschlechterpolitische, postkoloniale, interkulturelle, interreligiöse Forschungsansätze auf, die in ihrer Vielfalt neue Perspektiven eröffnen im Blick auf die politische Dimensionen feministischer Theologien.
Wegen der Kürze der Zeit kann ich nicht ausführlich auf die einzelnen Beiträge eingehen – es lohnt die Lektüre, und sie sei Ihnen allen herzlich anempfohlen!
Die innovativen und vielseitigen Perspektiven dieses Bandes sind ein geglückter Anstoß zur Reflexion der überkommenen Traditionen feministischtheologischer Ansätze und bieten reichhaltiges Diskussionspotential im Blick auf eine historisch und gesellschaftlich verantwortete Weiterentwicklung feministisch-theologischer Fragestellungen.

Den Herausgeberinnen, Stefanie Schäfer-Bossert und Elisabeth Hartlieb sei an
dieser Stelle noch einmal ganz herzlich gedankt für die mühevolle aber erfolgreiche Arbeit, die die Herausgabe eines solchen Sammelbandes erfordert.
Einen herzlichen Dank den Preisträgerinnen für ihre Initiative! Und herzliche Gratulation zu diesem Erfolg!


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