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Von Isa Breitmaier

Begegnung

Begegnung

Anlässlich des 10 jährigen Hartz IV-Jubiläums (Arbeitsmarktreform in Kraft seit 1.1.2005) rückte letztes Jahr das Thema Armut stärker in den Fokus der Veröffentlichungen. Die Bewertung dieses Reformpakets nach 10 Jahren ist sehr unterschiedlich. Während die Bundesagentur für Arbeit „das Programm des Forderns und Förderns“ lobt (Bild 20.11.2014), schreibt Christoph Butterwegge von einer „Verschärfung der sozialen Schieflage“ seit Hartz IV, von einer „Ausweitung der (Kinder-) Armut bis in die Mitte der Gesellschaft hinein“ und einer „Verbreiterung des Niedriglohnsektors“ (Butterwegge 2015, 8). Die nach Erscheinen des Jahresberichts des Paritätischen Wohlfahrtsverbands im Februar 2015 geführte Debatte, ob die Schere zwischen Arm und Reich nun weiter aufgehe oder nicht, geht am Thema vorbei, denn das folgenreichste Problem der Armut, nämlich die soziale Ausgrenzung und Abwertung, wird mit Zahlen und Statistiken nicht erfasst. Die Autorin hat seit 5 Jahren Gelegenheit im Rahmen eines Forschungsprojekts der Evangelischen Erwachsenenbildung, das Auswirkungen von Armut vor Ort untersucht und Schlussfolgerungen für kirchliche Bildungsangebote ziehen soll, beispielhaft diese Ausgrenzungsprozesse und ihre Folgen zu studieren.

10 Jahre nach der Einführung von Hartz IV lautet eine Sichtweise: Das Thema Armut in Deutschland ist passé, es ist finanziell geklärt, niemand muss in unserem Land an Hunger sterben, und niemand muss erfrieren. Gleichzeitig wird jeder, der arbeiten kann, institutionell dazu aufgefordert. Gerade angesichts armer Länder auf der Welt sei in unserem reichen Land dieses Problem gelöst. Man denke sich einen Hartz IV Empfänger in Marokko oder Sri Lanka. Er wäre mit seiner „Stütze“ ein gut ausgestatteter Mittelständler! Aber so einfach ist es nicht, setzt die andere Sichtweise entgegen. In Deutschland herrscht keine absolute, sondern relative Armut, die sehr subtil in Erscheinung tritt und nur bei genauerem Hinsehen erkannt wird. Dabei geht es im Kern darum, wie weit gesellschaftliche Teilhabe in diesem Land möglich ist. Denn Armut ist erstens ein relativer Begriff, d.h. was Armut ist, lässt sich nur relativ zum Lebensstil im entsprechenden Land sagen. Zweitens lässt sich Armut eben nicht auf finanzielle Not reduzieren, denn es gibt neben den ökonomischen die institutionellen und die emotionalen Aspekte. (Vgl. zur Definition von Armut Butterwegge 2012, 11ff. Zu den drei Aspekten von Desintegration durch Armut vgl. Misun Han-Broich 2015. Ihr an der Flüchtlingsproblematik entwickeltes Integrationskonzept scheint mir auch im Blick auf Armut passend)

Im Folgenden werden Beispiele zu den drei genannten Aspekten von Armut herangezogen und im letzten Teil Schlussfolgerungen für eine moderne kirchliche Praxis gezogen.

Zum sozial-institutionellen Aspekt

Da ist z.B. Isabell (alle Namen wurden geändert), die Grund- und Hauptschullehrerin Ende 50, die nach längerem krankheitsbedingten Ausfall jahrelang vor Gericht klagt, dass sie wieder in den Schuldienst übernommen werden möchte, letztlich aber doch abgelehnt wird. Sie hat nun einen 2 € Job im Eine-Welt-Laden und räumt Regale ein.

Da ist Beate, die Fremdsprachensekretärin, der gekündigt wird, als die Amerikaner abziehen. Sie war voll angestellt und hatte u.a. den amerikanischen Schriftverkehr zwischen Kaserne und Hauptniederlassung geregelt. Sie findet mit Anfang 50 keine neue Stelle. Hinzu kommen familiäre Probleme, sie zieht sich zurück.

Oder der Elektrotechniker Niko, Anfang 40, der während einer anspruchsvollen Fortbildungsmaßnahme erkrankt und nach längerer Abwesenheit von der Firma gekündigt wird. Die Angebote, die ihm das Jobcenter macht, sind Umschulung in Berufe, die ihrerseits wieder Bewerbungsverfahren mit hohen Ausschussraten nach sich ziehen bzw. Hilfsarbeit bei Burger King.

Aktuell ist Arbeitslosigkeit bei weitem kein Problem mehr, vor dem gefeit ist, wer einen Realschulabschluss und eine abgeschlossene Lehre in der Tasche hat. Selbst Menschen mit abgeschlossenem Studium fallen heute häufiger als früher in Armut. Nach den aktuellsten Daten des statistischen Bundesamts, die sich auf 2013 beziehen, hatten 15,4% der Armutsgefährdeten eine mittlere Bildung, 9% eine hohe Bildung. Das ist ein knappes Viertel der Gefährdeten. Gründe für Armutsgefährdung sind Scheidungen und der damit verbundene finanzielle und psychische Stress, Krankheit, hohe Arbeitsanforderungen mit Krankheitsfolge, Bankrott oder Umzug der Firma. Frauen haben es besonders schwer in solchen Situationen, denn sie haben oft Karriere- und Wissenslücken durch Familienarbeit, die sich bei der Jobsuche und bei der Berechnung der Rente auswirken.

Der so genannte „Wiedereinstieg in den Beruf“ nach der Kinderphase oder nach einer gesundheitlich verursachten Auszeit ist heute schwer. Denn „Berufe“ sind in der Bedeutung von festen Anstellungen auf der Grundlage dessen, was in der Ausbildung gelernt wurde, seltener geworden. Es gibt stattdessen immer mehr „Jobangebote“, eng umrissene Arbeitsbereiche, stark am momentanen Bedarf der Firmen orientiert; bis in akademische Anforderungsprofile hinein zeitlich befristete Projektarbeit; oder Leiharbeit, die über Arbeitskraft als Kapital verfügt: Sie wird dort eingesetzt, wo gerade Bedarf herrscht und ist gut, solange sie funktioniert. Damit entfallen gegenüber dem Beruf die Identifizierung mit einer Firma und die Verpflichtungen einer Firma gegenüber ihren Angestellten, die Bestandssicherung. Es leidet die Kollegialität unter den Arbeitnehmern und im Krankheitsfall ist die Kündigung nicht weit. Selbst im noch als „sicher“ gewähnten Beamtenverhältnis ist ein Einstieg in höherem Alter oder ein Wiedereinstieg unmöglich oder zumindest schwieriger geworden: Viele Frauen landen im Honorar- oder Angestelltenverhältnis, was bei Lehrerinnen bedeuten kann, dass sie die Sommerferien nicht bezahlt bekommen und jedes Schuljahr neu das Risiko eingehen, abgelehnt zu werden. WiedereinsteigerInnen eignen sich auch dazu Lücken zu stopfen. Sie sind dann eben trotz ihrer Qualifikation Springerinnen oder in mehreren Abteilungen gleichzeitig tätig, was Möglichkeiten der Einflussnahme im Betrieb oder der Mitbestimmung über Bedingungen des Arbeitsplatzes verringert.

Im Umkehrschluss wird deutlich, dass sich Karriereleitern in vielen Bereichen zur Zeit sehr hermetisch gestalten und präzise Anpassungsleistungen voraussetzen.

Zum gesundheitlichen Aspekt

Armut korreliert überproportional häufig mit Krankheit. Nehmen wir z.B. Jussuf. Er wird als Kind einer palästinensischen Familie in Deutschland geboren, stammt aus armen Verhältnissen, dann kommen eigene Kinder, die versorgt werden müssen, weshalb er das Studium abbricht und als ungelernter Arbeiter Geld verdient. Es folgt eine Alkoholabhängigkeit und die Scheidung mit Unterhaltsanspruch.

So lernen Menschen bei uns in Deutschland von der Hand in den Mund zu leben, Gelegenheiten zu ergreifen, auch wenn sie dazu führen, dass sie ausgenützt werden und sich selbst auszubeuten, wenn die Jobs befristet sind und es nur geringen Lohn gibt. Je höher das Alter, umso schwerer wird die Flexibilität, die solch ein Leben erfordert und umso wahrscheinlicher sind gesundheitliche Einschränkungen.

Verstärkt werden die gesundheitlichen Schwierigkeiten durch wachsende kommunikative Unsicherheit und das Fehlen vertrauenswürdiger informeller Kontakte. Eine Teilnehmerin am Projekt ertrug ein Dreivierteljahr lang Schmerzen beim Wasserlassen, bevor sie sich im Rahmen des Angebots in einer Vesperkirche traute, einen Arzt aufzusuchen. Ihre Befürchtungen waren, es könnte sich eine schlimme Krankheit offenbaren, es könnte Geld kosten. Außerdem wusste sie nicht, zu welchem Arzt sie gehen sollte. Ein Teilnehmer mit Karpaltunnelsyndrom raffte sich nach einer längeren Zeit mit Beschwerden dazu auf, einen Arzt aufzusuchen, den er von früher her kannte. Er benützt kein Telefon und machte daher keinen Termin aus. Auch Internet steht ihm nicht zur Verfügung. Als er schließlich bei der Praxis ankam, stellte er fest, dass sie vor einiger Zeit aufgegeben wurde. Es stellt für ihn, der über kein wohl informiertes Netzwerk verfügt, ein großes Problem dar, einen neuen Facharzt zu finden, dem er vertraut.

Zum emotionalen Aspekt

Soziale Abwärtsprozesse gehen mit inneren und äußeren Abwertungen einher. Es beginnt mit Fehlschlägen: gesundheitliche Einbrüche, Familiendramen, Jobverlust und Ablehnungen bei Bewerbungen. Darauf kann ein innerer Rückzug folgen, vielleicht auch die Vernachlässigung von Hobbies und nach einigen Monaten zeigen sich bereits kleine soziale Unsicherheiten: Wie vertrete ich mein Anliegen gegenüber dem Arzt oder gegenüber dem Anrufer, der mich einladen möchte, obwohl ich mich nicht in der Lage fühle? Wie geht das noch mal: Smalltalk im Café nebenan? Ein Teilnehmer drückt das so aus: „Ich fühlte mich stets gehalten meine Gruppentauglichkeit zu hinterfragen.“ Hier geschieht zunächst, vielleicht sogar unbewusst, eine eigene innere Abwertung, von wo aus es nicht weit ist zur Anpassungshaltung: Ich tauge offensichtlich nicht mehr für „normale Jobs“, ich muss mich eben mit weniger begnügen.

Die innere Abwertung korreliert dann bald auch mit einer äußeren: Im Jobcenter wird man „betreut“. Häufig geht diese Form der Aufsicht mit dem Verdacht einher, Arbeitslose ließen sich gehen. Viele erleben das „Fordern und Fördern“ des Hartz IV Konzepts als Angst besetzte, wenig hilfreiche Drucksituation, fühlen sich abgespeist mit gelegentlich herabwürdigenden Arbeitsangeboten, für die sie sich bewerben müssen, da sonst die Unterstützung gekürzt wird.

Die Abwertungsspirale geht dann weiter, wenn man mit dem Freundeskreis nicht mehr mithalten kann, weil Einladungen oder der wöchentliche Kneipenbesuch, das Bowling oder Theater zu teuer geworden sind. Das heißt häufig auch, dass der Freundeskreis wechselt, was so weit führen kann, dass man schließlich nur noch Hartz IV Empfänger kennt. Unter diesen herrschen eigene Bedingungen. Eine Teilnehmerin am Projekt beklagte sich z. B. einmal, dass ihre Bekannten nur bereit seien mit ins Kino zu gehen, wenn sie den Eintritt übernehme, sie sollte sich also ihre Gesellschaft erkaufen!

Wer sich andererseits innerhalb etablierter Milieus als Hartz IV Empfänger outet, muss mit Ängsten rechnen, die er entfacht, erfährt vielleicht schwer verkraftbares Mitleid, kann sich vor Tipps nicht retten: Mach doch eine Weiterbildung, eine Umschulung… Vielleicht verliert jemand dann an Vertrauen: Will die, wenn sie zu uns kommt, vielleicht nur absahnen? Ist er nicht ziemlich faul? Und es findet auf subtile Art, ohne viele Worte, gesellschaftliche Ausgrenzung statt.

Schließlich macht sich der langsame Ausstieg auch äußerlich fest: Wer heutzutage keine Kontokarte besitzt, keinen Computer und kein Handy, ist in seiner Teilhabe wesentlich eingeschränkt, denn finanzielle und soziale Kommunikation findet fast ausschließlich über mindestens eines dieser drei Medien statt. Hier kulminiert heute eine Entwicklung aus den letzten zwanzig Jahren. Alle drei elektronischen Utensilien sind aber mit Geld und Know-how verbunden. Mancher ist nicht mit der Technik aufgewachsen, hat dazu eine Weile nicht gearbeitet und so den Anschluss verloren und diese Techniken nicht erlernt. Er holt sein Geld persönlich beim Sozialamt ab und regelt seine Kontakte mit mündlicher Verabredung. So ist die Ausgrenzung besiegelt, denn kein Etablierter wird sich auf Dauer eine solche Kommunikationsverelendung antun.

All das trägt dazu bei, dass die Grenzen zwischen Armut und etablierter Gesellschaft heute nahezu hermetisch geworden sind. Der paritätische Wohlfahrtsverband spricht von Parallelgesellschaften, die in Deutschland entstehen: Wer wenig Geld hat, kauft in Second Hand Läden und Tafeln ein, hat seinen eigenen Bekanntenkreis und wohnt in entsprechenden Stadtvierteln. Die wenigen, die sich dann noch zu politischen oder kulturellen Veranstaltungen trauen, wenn sie umsonst angeboten werden, werden eben toleriert. Ihre politische und soziale Einflussmöglichkeit ist gleich null.

Kirchliches Handeln im Kontext der Armut

Es gibt auch in kirchlichen Kreisen höchst wirksame Abwertungs- und Ausgrenzungskonstruktionen gegenüber Menschen in Armut, die die oben beschriebene Segmentierung noch verfestigen helfen, denn Kirche steht auf der Seite der Etablierten.

Ein Beispiel sind Sprache und Aussehen. Unsere Sprache und unser Aussehen zeigen in wenigen Sätzen, wer Insider ist, wer nicht. Als ein Teilnehmer am Projekt in der öffentlichen Sitzung der Bezirkssynode auftauchte, war er von weitem als „arm“ kenntlich: Zwei ausgeleierte Umhängetaschen und ein Rucksack, die Hosen zu lang, das Gesicht unrasiert. Er wurde eingelassen, als er einen bekannten Namen nannte und so seine Zugehörigkeit auswies. Die Gewährsfrau wurde zur Seite genommen und gefragt, ob es mit rechten Dingen zugehe, dass er teilnehme. Wäre das einem gut angezogenen jungen Mann auch passiert?

Oder ein anderes Beispiel: Es melden sich bis zu 300 ehrenamtliche Mitarbeiter für vier Wochen Vesperkirche, eine Veranstaltung der Diakonie, in der Menschen eingeladen sind, sich aufzuhalten, zu essen und zu trinken und in der soziale Angebote gemacht werden. Dafür gibt es Spenden im 5 stelligen Bereich und die Arbeit erhält eine breite Zustimmung in der Öffentlichkeit. Voraussetzung für die Etablierten und die Geldgeber ist allerdings die klar definierte Grenze zwischen Helferseite und Bedürftigen. So dürfen zwar auch Bedürftige Helfer sein. Aber bei Helferinnen aus etablierten Schichten muss doch deutlich die Grenze gewahrt sein: Ich gehöre nicht auf die Seite der Gäste, das sind die anderen, eben die „Gäste“, die hier bewirtet werden. Das Verwechslungsspiel (Notleidende werden bedient, Etablierte bedienen) fördert am Ende eher die herrschenden Vorurteile, als dass es sie hinterfragt. Soziale Ausgrenzung wird durch diese öffentlichen Speisungen mit Beiprogramm in den Köpfen der Menschen nicht vermindert. Wird sie vielleicht sogar gefestigt im Sinne der Parallelgesellschaft? Ist die Wahrnehmung der Armut, die durch Vesperkirchen ermöglicht wird, eine, die auf der Seite der Etablierten Ängste und damit Ausgrenzung bestätigt oder können kritische Fragen an die eigenen Vorurteile daraus erwachsen? Gibt man sich hier mit einer oberflächlichen Samariterhaltung zufrieden, oder ist Raum für Bildung, wie er in der biblischen Erzählung vom barmherzigen Samariter durchaus angelegt ist?

Wie fest die eigenen Vorurteile verankert sind, wird auch im Rahmen des oben erwähnten Projekts erfahren. Während den dazugehörigen Supervisionssitzungen fällt auf, dass häufig alle durcheinander reden, kein klarer thematischer Faden durchzuhalten ist und Einzelne nicht zwischen Nebensächlichkeiten und dem Hauptthema unterscheiden. Der Gedanke, Gesprächsregeln einzuführen, liegt nahe. Die Supervisorin winkt ab: „Das schaffen einige von denen nicht. Die halten solche Regeln doch nicht durch. Man merkt schon, warum die sich in ihrer prekären Lage befinden…“ Also bleibt es beim Chaos, das noch Stunden später ein Flimmern im Kopf verursacht und keinen wirklich weiter bringt.

Um von Seiten der Kirchen den heutigen, subtilen Formen von Armut zu begegnen, müssen die Hilfsformate dringend überdacht werden! Wir brauchen eine Grundbildung von Ehrenamtlichen im Bereich der Statusintegrationund die Arbeit an den eigenen Vorurteilen. Wir brauchen Integrationshilfe, die über Almosen und Primärversorgung hinausreicht. Menschen in Armut sollten Gelegenheit haben ein Vertrauensverhältnis zu Menschen in anderen Lebenslagen aufzubauen. In der Arbeit mit Flüchtlingen wird dieser Ansatz im Moment stark verfolgt, weshalb nicht mit einheimischen Menschen? Es sollte Gesprächsgruppen geben, aber auch Gruppen, die miteinander lustvoll Zeit verbringen, an Kultur teilnehmen, miteinander in die Kirche gehen, miteinander Zeitung lesen usw., um gegenseitige informelle Bildung zu ermöglichen und Netzwerke aufzubauen.

Menschen am Rand der Gesellschaft profitieren davon, denn sie werden ernst genommen, es wird ihnen vielleicht auch körperlich oder intellektuell etwas zugemutet, aber sie erhalten dadurch neuen Mut, neue Ideen und Chancen. Etablierte lernen dabei Armut neu einzuschätzen, können sich von alten Bildern verabschieden, erhalten realistische Eindrücke unserer heutigen Gesellschaft. Das wäre eine wichtige Aufklärungsarbeit, um Ausgrenzungen etwas aufzuweichen und Vorurteile zu hinterfragen. Es wäre „evangelische“ Arbeit, die auch ein Stück der eigenen Angst vor sozialem Abstieg nehmen könnte. Denn die Erfahrung lehrt: solange wir gesellschaftlich nicht verachtet werden, können wir ganz gut auch mit weniger Geld zurechtkommen. Die Selbstverachtung und die Fremdverachtung dagegen wirken wie ein Dolchstoß. Jesus hat Menschen am Rande der Gesellschaft bekanntlich als Menschen respektiert und gefördert. Er hat sich selbst auf die gesellschaftlich Diskreditierten wie den Zöllner Zachäus oder leprakranke Menschen und die Ehebrecherin eingelassen und sich mit ihnen ins Gespräch begeben. Jeder von ihnen ist aus der Begegnung mit Jesus bereichert hervorgegangen. Er hat echte Begegnungen geschaffen und sich nicht mit den gesellschaftlichen Abwertungen zufrieden gegeben. Diese Offenheit hat die Mitmenschen gestärkt, hat ihnen neue Perspektiven eröffnet, hat sie sogar auf einen besseren Weg geleitet, wenn es nötig war. Aber es war jeweils die Begegnung, die hier ein Umdenken bewirkt hat. Diese Begegnung können wir uns in Jesu Nachfolge nicht ersparen. Wir können uns nicht davon freikaufen. Weder durch Spenden, noch durch aktive Hilfeleistungen. Begegnung bedeutet genaues Hinsehen, die achtsame Ansprache und die Erwartung, etwas vom Anderen zu erfahren. Solche Begegnungen mit Menschen unterschiedlicher Lebenslagen kommen in herkömmlichen diakonischen oder erwachsenenbildnerischen Angeboten nicht genügend vor. Wir brauchen in diesem Sinne neue phantasievolle „Bildungsformate“ in der Kirche, die einen kritischen gesellschaftlichen Umgang mit Armut und sozialer Ausgrenzung ermöglichen.

Anmerkung: Wird das nun durch die Flüchtlinge, die ins Land gekommen sind und primär Hilfe benötigen alles anders? Oder wird hier eine stille Sortierung stattfinden und die Statusausgrenzung kann anschließend, im Unterschied zur kulturellen Ausgrenzung, fortgeführt werden? Das würde bedeuten: Die meisten Menschen akzeptieren Ausländer, sofern sie sich auf dem Arbeitsmarkt integrieren, aber Sozialhilfeempfänger sind eben Menschen zweiter Klasse.

Literatur

Butterwegge, Christoph: Armut in einem reichen Land. Frankfurt 20113.

Butterwegge, Christoph: Ein zweifelhaftes Jubiläum. Zehn Jahre Hartz IV-Was die Arbeitsmarktreform bewirkt hat. In: Zeitzeichen 1/2015,8-11, 8.

Krause, Ina: Das Verhältnis von Stabilität und Flexibilität auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Frankfurt 2011.

Funk, Kerstin: Berufliche Sozialisation von Frauen im Kontext des geschlechtsspezifisch segregierten Arbeitsmarkts. 2010.

Broich, Misun-Han: Engagement in der Flüchtlingshilfe, eine erfolgversprechende Integrationshilfe. Bundeszentrale für Politische Bildung. 27.3.2015 http://www.bpb.de/apuz/203551/engagement-in-der-fluechtlingshilfe.


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