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Esser Veriditas 2

Von Annette Esser

Annette Esser, die Gründerin des Scivias Instituts im Rheinland, veranstaltete vom 26. bis 29.05.2016 in Bingen am Rhein die Zweite Internationale Hildegard von Bingen Tagung zum Thema „Viriditas, Grünkraft“. Hier ihre Eingangsrede zu dieser Tagung.

Das Thema dieser zweiten Internationalen Hildegard-Tagung des Scivias-Instituts ist

Viriditas – Diese Wortschöpfung stammt von Hildegard von Bingen. Viriditas ist Grünkraft. Grünkraft ist Lebenskraft. Lebenskraft ist Gotteskraft. Gotteskraft ist Schöpfungskraft und Heilkraft.

Als Hildegard-Freundin stelle ich mir vor, dass die große Seherin und heilkundige Magistra bei ihrer Beobachtung der Natur und beim Singen im Kreuzgang ihres Klosters ständig innerlich mit einem Wortspiel „schwanger“ ging. Dabei klingen im Deutschen völlig unzusammenhängende Worte im Lateinischen zusammen: viriditas (Grünkraft), vir (Manneskraft), virtus (Tugendkraft), virga (Zweig), virgo (Jungfrau) und virginitas (Jungfräulichkeit). So verbindet Hildegard die Jungfrau mit dem grünen Zweig, assoziert Jungfräulichkeit mit der Grünkraft und sieht Tugendhaftigkeit als eine männliche Kraft, die paradoxerweise ganz besonders den Jungfrauen innewohnt, da Männer unmännlich geworden sind. In einem Lied besingt sie Viriditas.

O nobilissima viriditas    

Du edelstes Grün,

quae radicas in sole,   

das seine Wurzeln in der Sonne hat

et quae in candida serenitate luces in rota 

und das in heiterem hellem Glanz im Kreis leuchtet,

quam nulla terrena excellentia comprehendit,    

von keiner irdischen Intelligenz zu begreifen,

tu circumdata es amplexibus

Du bist umfangen von der großen Umarmung

divinorum mysteriorum 

der göttlichen Geheimnisse

Tu rubes ut aurora  

Wie die Morgenröte strahlst du,

et ardes ut solis flamma              .

und glühst wie das Feuer der Sonne.[1]

 

Aber was sollen wir heute mit Hildegards Gedanken und Liedern um Viriditas anfangen!?

Als Theologin würde ich Hildegard nicht nur als Mystikerin, sondern auch als Naturforscherin und Ärztin bezeichnen, die die Kräfte der Natur erforscht und deren heilende Wirkung für die Menschen beschrieben hat. Dementsprechend sage ich: Viriditas ist Grünkraft. Grünkraft ist Lebenskraft. Lebenskraft ist Gotteskraft. Gotteskraft ist Schöpfungskraft und Heilkraft. Es stellt sich allerdings die Frage, ob diese Sprache Hildegards in der modernen Naturwissenschaft und Medizin ernst genommen werden kann. Zu beobachten lässt sich eher ein Graben in der Bewertung ihres naturkundlichen und medizinischen Werkes, etwa zwischen Heilpraktikern und studierten Ärzten.

An dieser Stelle erinnere ich einen Dialog, den ich als Theologin mit einer Professorin der Biologie hatte. Als wir darüber sprachen, dass „Biologie“ eigentlich „Lehre vom Leben“ bedeutet, da sagte sie mir frank und frei, dass die moderne Biologie natürlich nur Lebensprozesse beschreiben könne. Was das Leben selbst ist und schon gar warum es überhaupt Leben gibt und nicht kein Leben ist, dies sei keine Frage der Biologie, sondern ein philosophische Frage, die die moderne Naturwissenschaft nicht beantworten könne und wolle.

Das erinnerte mich nun an eine Geschichte des Philosophen Sören Kierkegaard. Darin betritt ein Mensch einmal einen Laden, in dessen Schaufenster ein Schild stand „Wir waschen Ihre Wäsche!“ Als er darum bittet seine Wäsche zu waschen, da wird ihm zur Antwort gegeben: „Wir waschen natürlich hier nicht ihre Wäsche. Wir verkaufen nur die Schilder auf denen steht ‚Wir waschen Ihre Wäsche‘“.

Ganz anders geht es bei Hildegards Rede von Viriditas – Grünkraft nicht nur um ‚Schilder“ auf denen etwa steht: „Leben ist Grünkraft“ (Das wäre ohnehin eine Tautologie). Hildegard hat auch nicht nur aus der Distanz einer Forscherin Naturvorgänge beschrieben, die wir heute in wissenschaftlichen Büchern wahrscheinlich viel besser nachlesen können. Nein, wenn Hildegard von „Viriditas“ spricht, dann spricht sie zugleich von Gott als Ursache allen Lebens, aber auch davon, dass in allem Leben auf dieser Erde und in uns Menschen Gottes Kraft wirkt. D.h. sie beschreibt nicht nur das Wachstum in der Natur, sondern sie deutet das beobachtete Wachstum auch als göttliche Lebenskraft und findet damit einen Namen für Gott selbst. Gott ist für sie Caritas (Liebe), Sapientia (Weisheit) und eben auch Viriditas (Grünkraft).

In dieser Konferenz geht es also um „Viriditas – Grünkraft – Green Power of Life“. Aktuell geht es in unserer Zeit des Klimawandels, der zunehmenden Umweltzerstörung und des Artensterbens von Tieren und Pflanzen um die Frage und Herausforderung einer nachhaltigen Entwicklung unserer Erde.

 Es geht darum, dass wenn wir Menschen weiterhin mit einer Haltung von Distanz die Natur ausplündern, wenn wir nicht begreifen, dass wir sozusagen dabei sind den Ast abzusägen, auf dem wir selber sitzen, wenn wir nicht realisieren, dass wir als Teil des Lebens selbst dazu gerufen sind, ethische Verantwortung für eine nachhaltige Entwicklung übernehmen, dann werden wir das Leben auf dem Planeten auslöschen können.

Wenn wir aber realisieren, d.h. als wahr begreifen, dass aufgrund unserer Position als Menschen inmitten des Kosmos die Entwicklung des Lebens auf unserem Planeten von jedem von uns Menschen abhängt, dann kann in einer Synergie, in einer Zusammenarbeit zwischen Gott und Mensch sich unsere Erde und die Natur lebensbejahend, positiv, aufbauend und nachhaltig weiter entwickeln. In Hildegards Sprache ist es so, dass Menschen ihre jungfräuliche und zugleich männliche Tugendkraft erblühen lassen. Oder es ist so, dass die Verkäufer im Schilderladen sich darauf besinnen, dass sie eigentlich das tun sollten, was auf ihren eigenen Schildern steht: Viriditas – nicht nur ein Wort, sondern eine Kraft mit der wir Menschen zusammenwirken können und sollen.

 

[1] Hildegard von Bingen, Lieder, Otto Müller-Verlag Salzburg, 39 / eigene Übersetzung